02 10
wahlkampf in brünn


Es ist Wahlkampf in Brünn. In fünf Tagen wird der städtische Senat gewählt. Jan 
Špilar kandiert für die tschechische Christ-Demokratische Volkspartei, weil er ist 
nämlich nicht nur einer der bekanntesten Coiffeure - oder sollte ich besser schreiben 
Hairdresser - Tschechiens, sondern auch Diakon an der St. Michaelskirche am 
Dominikanerplatz. Zufällig komme ich an seiner Wahlkampf-Performance vorbei, 
die weder Assoziationen an seine KDU-
ČSL-Mitgliedschaft nahelegt noch an sein
Diakonen-Dasein. Zu den ziemlich schrägen Klängen einer Punk-Sängerin schnei-
det er in demonstrativer Gelassenheit einer jungen Dame die Haare, was immer das
auch über sein politisches Programm aussagen mag (etwa "ich wasch Euch allen
den Kopf und scher Euch die Haare", was ja auch mal ein Bewerbungsslogan wäre). 
Wenn man nun noch hört, daß seine Kandidatur von der Piraten-Partei unterstützt 
wird, bekommt man langsam eine gewisse Ahnung davon, daß die politischen 
Verhältnisse in Tschechien vielleicht nicht unbedingt mit unseren Maßstäben zu
messen sind.

Oder gilt das nur für die besondere Atmosphäre Brünns, die mir auch jetzt, bei 
meinem vierten oder fünften Besuch in der Stadt, schon gleich beim ersten Herum-
flanieren in den Straßen auffällt. Hier ist das Zusammenleben irgendwie bunt, 
jung und frisch, von einer offensichtlich ziemlich selbstverständlichen Toleranz 
geprägt. Man sieht einen lachenden Benediktiner-Pater in seinem schwarzen Habit, 
wie er sich mit einem Familienvater und dessen kleinen Sohn unterhält ebenso 
wie den Punk und die feine Lady, die wieder einmal nicht weiß, wie sie ihren 
Hausfrauen-Panzer, sprich SUV, parkieren soll, sie tut es schließlich mitten im 
fließenden Verkehr in zweiter Reihe, und niemand regt sich auf.

Ich freue mich, daß ich dieses besondere Brünner Leben dieses Mal nicht nur 
zwei, drei Tage, wie bei meinen bisherigen Aufenthalten, sondern einen ganzen 
Monat lang betrachten darf. "Beobachten" schreibe ich bewußt nicht, weil das
soll es nicht sein. Will kein Beobachter, allenfalls ein Betrachter und Beschauer sein.
 

Zurück zur Navigationsseite.