03 11
sernerhaus

Also, das Zitat, es stammt von Le Corbusier, und ist noch feiner formuliert,
als ich es gestern wiedergegeben habe, er sagte nämlich, die Prunkbauten
von Karlsbad seien "ein Stelldichein von Sahnetorten".  Das gilt vor allem
für die Villen und Hotelbauten, die sich die steilen Hänge hinaufziehen,
Karlsbad liegt ja im engen Talkessel des Eger-Flusses. Schon weniger
Sahnetortenhaftigkeit findet man in der Masaryková ulice, in die unser
Tagungsstroß am heutigen Nachmittag zieht, um vor dem Geburtshaus von
Walter Serner eine kleine DADA-Aktion vom Zaun zu brechen. Hier in diesem
Haus wurde der von den Nazis ermordete Dichter geboren. Von ihm stammt
- man kann sagen - das Gründungsmanifest des Dadaismus, "Letzte Locke-
rung" ("es würde mich freuen zu hören, daß diese Seiten der LETZTE Mist sind,
der geschrieben wurde, ich würde mich sehr freuen"), aber auch etliche Kri-
minalgeschichten und die "absonderliche Liebesgeschichte" "Die Tigerin".
Von Fec, dem "Helden" des Romans, heißt es: "Er war mit allem fertig. Auch
mit sich selber. Er lebte gleichsam vor sich einher. Ins Leere hinein." Muß ich
noch einmal lesen.

Der heutige Samstag aber beginnt mit einer Podiumsdiskussion, die für mich
persönlich mit zum spannendsten der ganzen Tagung gehört. Die Diskutan-
ten sind Jurko Prochazko, Eduard Schreiber und Daniela Strigl. Es geht um
die mittelosteuropäischen Literaturen ... und mithin auch um die mittelost-
europäischen Katastrophen des letzten, aber auch dieses Jahrhunderts. 
Jurko Prochazko war unter anderem Aktivist des Euro-Maidan, jener ukrai-
nischen Revolution nicht nur junger Leute, die für eine europäische Perspek-
tive ihres Landes kämpften und brutal zusammengeschossen wurden. Seine
Einlassungen finde ich höchst bemerkenswert. Er erinnert uns Literaten,
Frauen und Männer des Wortes, daß alles, was wir mit "Kultur" zusammen-
fassen, gar nicht der große Widerpart gegen Nationalismus, Chauvinismus,
Aggression und Krieg ist, sondern daß sich beide oft bestens ergänzen.
Das denke ich mir auch, man rufe sich nur den jugoslawischen Sezessions-
krieg in Erinnerung, mit dem Kriegsverbrecher und Lyriker
 Karadžić etwa.
So manche heiße, kriegerische Auseinandersetzung begann zuerst als
schleichender, kalter Kampf der Kulturen. Das hätte ich gerne noch ver-
tieft. Wenn es ein Manko dieser äußerst gelungenen Tagung gab, dann
vielleicht das , daß zuwenig Zeit für Diskussionen nach den einzelnen
Programmpunkten eingeplant war.

Wir mußten ja auch schon wieder weiter. Vor der Serner-Aktion am Nach-
mittag stand noch ein Ausflug nach Elbogen/Loket und die damit
verbundene Geschichte des gealterten Goethe mit seiner unglücklichen
Liebe zu Ulrike von Levetzow. 1899 vestarb die hochbetagte Dame (95),
ohne jemals geheiratet zu haben. Ihre Mutter, die wohl selber ein Auge auf
den hochberühmten, alten Dichter geworfen hatte, verweigerte ihre
Zustimmung zu einer Ehe der beiden, die 55 Lebensjahren trennten. Ar-
no
št Goldflam flüstert mir zu, während unser kundige Fremdenführer uns
zum Gasthaus "Weißes Ross" und dem dortigen "Goetheblick" auf das
Tal  der Eger führt: "1899 ... das ist das Geburtsjahr meines Vaters."
So nah rückt einem mitunter die sogenannte Geschichte. Später noch
fotografiere ich
Arnošt (der mit Brille), Ivan Binar, Daniela Fischerová und
Anna Zonová vor der Elbogener Burg. Es ist gewissermaßen ein Abschieds-
foto, denn morgen früh zerstreuen wir uns wieder in alle Himmelsrich-
tungen und alle Gegenden dieses aufregenden Mitteleuropas, von Graz
bis Lemberg, von Sent in der Schweiz bis nach Moravsky Beroun.

elbogen


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