04 10
kubitschek

Prof. Tomáš Kubíček lacht, als ich auf seine Frage hin, wie meine Anreise 
nach Brünn gewesen sei, antworte, ich sei ja mit dem Auto gekommen, unter 
anderem deshalb, weil ich zum Schreiben um mich herum immer meine Hand-
bibliothek brauche. Und die Kiste Bücher im Zug mitzunehmen, wäre wohl 
schlecht möglich gewesen. Das mit der Handbibliothek versteht er auf der 
einen Seite sehr gut, der Direktor der Mährischen Landesbibliothek (er ist ei-
ner der Mitorganisatoren des Austauschprogramms). Auf der andere Seite 
meint er, ob ich es mir nicht hätte einfacher machen wollen, er habe hier, 
wenn ich mich recht erinnere, so um die vier Millionen Bücher. Das dürfte als 
Handbibliothek doch auch reichen. Und ich könne hier auch jederzeit arbeiten.
Sei ja nun schließlich ein registrierter Benützer - mit Ausweis! - der Mähri-
schen Landesbibliothek. Alle seine Mitarbeiter stünden mir jederzeit zur 
Verfügung. Im Lesesaal gebe es auch eigens eine Abteilung nur mit deutsch-
sprachigen Büchern. Falls es in der Richtung irgendwelche Probleme gebe. 
Und dann schenkt er mir noch einen Text-Bild-band zur "Moravská Zemská 
Knihovna", mit einem schelmischen Lächeln und der Bemerkung, er hoffe, 
ich habe noch etwas Platz in meinem Auto. Leider sei das Buch nur auf 
Tschechisch, aber er gehe davon aus, daß alle fünf deutschen Stipendiaten 
nach ihrem Monat Aufenthalt bei ihm und in der Stadt eh perfekt tschechisch 
könnten. Wir müssen beide lachen. Der Mann gefällt mir. Das ist genau die 
Art von Humor, die ich liebe. 

Was ich ihm nicht erzählt habe, daß meine im Auto mitgenommene Hand-
bibliothek eine ganz ausgefallene ist. Fast nur Bücher über die Resl von Kon-
nersreuth. Ich glaube kaum, daß er mir da hätte aushelfen können. Obwohl: 
Irgendwie herrscht in dieser Stadt schon auch ein - vielleicht von alters her 
rührendes - klerikales Klima. Mit all den Klöstern und Kirchen. Es wird sich 
zeigen, ob das förderlich ist für mein Schreibvorhaben, das ich eigentlich 
mit hierher nach Brünn gebracht habe. Auch aus der schlichten Notwendig-
keit heraus, daß es sich um eine Auftragsarbeit handelt, die fertig werden muß.
Es geht um das Stück über die Resl von Konnersreuth. Und über den Stumm-
film, den Max Reinhardt über sie drehen wollte. Er hatte bereits einen Dreh-
buchautor dafür - Hugo von Hofmannsthal - und eine Hauptdarstellerin auch:
Lillian Gish, Stummfilmstar aus Hollywood. Die habe ich also alle mit im
Gepäck dabei. Und denke, denen würde es hier auch gefallen. Sehr sogar.
Max Reinhardt hat ja in jedem Ort sofort seine Kulissenhaftigkeit erkannt.
Und da wäre er hier in Brünn sicher auch fündig geworden.

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