05 10
raubtiere

Bin gestern noch unter die Raubtiere geraten. Die streifen nämlich hier auch 
durch die Stadt und tun einem nicht den Gefallen stillzustehen wie die Gruppe 
Jaguare vor einer Galerie nahe dem 
Šilingrovo Náměstí. Den, den ich meine, der
konnte Fersengeld geben, daß kein Hinterherkommen mehr war. Er griff nach
meinem Rucksack, der auf dem Stuhl neben mir lag, während ich über mein 
Essen gebeugt am 
Náměstí Svobody saß, und rannte die Koližná hinauf. Er 
hatte sogar noch Zeit, sich umzudrehen, zu schauen, ob ich nachkomme und
zu grinsen. Denn selbstverständlich schaffte ich es nicht, obwohl ich sofort
aufgesprungen war. Das sind die Situationen, wo man merkt, man ist keine
dreißig mehr. Und er, der junge Kerl, war sich seiner Sache mit einer un-
glaublichen Dreistigkeit sicher, denn das Ganze spielte sich 50 Meter von
der Polizeistation am Platz ab, wahrscheinlich aufgezeichnet von deren 
Überwachungskameras.

Das jedenfalls bestätigte der sehr junge Polizeibeamte. Ein junges Pärchen,
das alles beobachtet hatte, begleitet mich dorthin. Sie waren unheimlich 
nett und haben sich rührend um mich gekümmert. Er, der junge Mann des 
Pärchens, versuchte die ganze Zeit, mit seinem Smartphone mein Tablet
zu orten, das in dem Rucksack gewesen war ... leider erfolglos, ich hab in
der Aufregung meine Registrierungsdaten nicht richtig zusammengebracht.
Der Polizist nahm in aller Ruhe ein Protokoll auf. Das Übliche halt. Namen,
Adresse, Beruf ... ich antwortete "spisovatel", ein Fundstück aus meinem arm-
seligen Wortschatz. Es verursacht aber immer wieder ein erstauntes Auf-
schauen. Es bedeutet nämlich "Schriftsteller". Das junge Pärchen meinte 
gleich "nice to meet you. Are you famous?" Der Polizist wollte wissen, was 
im Rucksack war. Das Tablet vor allem. Hätte ich sagen sollen, daß darauf 
noch eine Menge unsterblicher und selbstverständlich unpublizierter Werke 
gespeichert sind? Hätte das seinen Eifer womöglich befeuert? Ob noch 
etwas drin war? Ein Buch. Was für ein Buch? Ich schmunzelte und sagte, 
weil ich mir sicher war, wieder einen Treffer zu landen: ein Gedichtband 
von Ivan Blatný. Nicht die geringste Reaktion bei den dreien. Ich sagte, das 
sei einer der größten Lyriker Tschechiens und überdies hier in Brünn ge-
boren. Es wurde mit der  freundlichsten "Macht ja nichts"-Attitüde aufge-
nommen. Der junge Mann des Pärchens fragte mich dann noch, was ich 
so schreibe. Ich erzählte es ihm. Und daß darunter ein Stück über Bohumil
Hrabal sei, das demnächst in Prag aufgeführt werde. Jetzt aber!  Wenig-
stens jetzt mußte doch etwas passieren. Wieder dreifaches müdes Schul-
terzucken. Den Namen Hrabal hätten sie noch nie gehört. Aber dennoch: 
Es waren sehr, sehr nette junge Leute. Kann man wirklich nichts sagen. 
Wir verabschiedeten uns herzlich. Auch vom Polizisten. Die Chance, mein 
Tablet wiederzusehen, taxiere er ... naja, er winkte ab.

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