06 10
militärparade

Erwin Aschenbrenner, der mir noch in der Nacht gutes Info-Material zu Brünn
schickt - er hat mit seinen "BöhmenReisen" natürlich auch bereits Brünn-
Trips gemacht, wozu es jeweils ein dickes Vorbereitungs-Lesebuch gab -, er 
also meint, daß auch er finde, daß es schwierig werden dürfte, ausgerech-
net so etwas wie mein Resl-von-Konnersreuth-Stück in einer Stadt wie 
Brünn zu schreiben, die doch als Metropole der Avantgarde gelten kann. 
Stimmt! Und auch wieder nicht. Heute nämlich erlebe ich Brünn als das Epi-
zentrum der Nostalgie, als die Mutter aller Erinnerungsschlachten. Im so-
genannten Denis Garden, einem Park, von dem aus man einen wunderbaren 
Blick auf den südlichen Teil der Stadt, aber auch die Spielberg-Festung hat, 
findet heute ein spektakuläres ... ja, wie sagt man da? Veteranentreffen stimmt
ja nicht, weil sie waren ja selber nicht mehr dabei. Kostümfest? Jedenfalls ein
Aufzug historischer Uniformen statt, die alle aus der Zeit der napoleonischen Krie-
ge stammen. Nicht weit von Brünn fand ja die Schlacht von Austerlitz statt,
sie wurde 2015 von ca. 2000 Laien nachgespielt, vielleicht waren die ja 
auch mit dabei. Heute jedenfalls lassen sie es wortwörtlich krachen, schießen 
mehrfach Salut und legen Kränze nieder am Obelisken des Parks, auf dem 
Kaiser Franz I. namentlich verewigt ist, gepriesen als  der "Befreyer, Wieder-
hersteller, Vater des Vaterlandes". Damit ist gemeint, daß er die napoleo-
nischen Kriege beendete, eher am Verhandlungstisch als auf dem Schlacht-
feld, und das wird vor allem die Brünner damals gefreut haben, man liest 
von fürchterlichen Zuständen in der Stadt während der Austerlitzschlacht, 
als alle Verwundeten hierher gebracht wurden.

Es ist ein eigenartiges Schauspiel, das Brünn für den heutigen Mittag noch
einmal in die alten Habsburgerzeiten eintunkt. Alle erdenklichen Kronlän-
der - Mährer, Krawoten und Schlesier - marschieren hier noch einmal mit 
ihren Abordnungen auf, "treu der Heimat" kann man auf Standarten-
wimpeln lesen und dann zieht man los durch die ganze Stadt, mit Blas-
musik und Trommelwirbel.  Am Freiheitsplatz kommt es zu einer eigen-
artigen Überblendung. Dort findet nämlich gerade das "Sweet-Dreams-
Festival" statt, kleine Verkaufsbuden, eine Bühne für Musiker, ein über-
gebliebener Woodstock-Typ - ich glaube, hier darf man schon noch von
Veteranentreffen reden - schrubbt gerade einen Bob-Dylan-Song auf der
Gitarre. Währenddessen marschiert der 1805er-Zug gerade die 
Rašínova 
herunter und es kommt zu einem bemerkenswerten Akustik-Battle. Die
einen trommeln Marschrhythmen, der andere spielt - was angesichts der
vielen Soldatenuniformen passend erscheint - "Knocking on heavens door".

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