07 10
skacel brunnen

Ich kehre noch einmal zurück zum Ort des Verbrechens. Ist aber auch einer 
der pulsierenden Plätze der Stadt: 
der Náměstí Svobody/Freiheitsplatz. Mit
einem sehr schönen Brunnen, um den herum Verszeilen aus einem Gedicht 
von Jan Skácel in konzentrischen Metallringen liegen. Ich setze mich wieder
in dasselbe Café wie am Freitag, der Kellner erkennt mich gleich. Er fragt,
was bei der Polizei herausgekommen sei. Wir kommen ins Gespräch.  Auch
er wieder ausgesprochen freundlich und teilnehmend. Ich glaube ihm, wenn
er sagt, daß ihm das Ganze "bad feelings" mache. Allen, denen ich die Ge-
schichte erzählt habe, den Leuten vom Organisationsteam, waren schockiert.
Einen solches Licht wollen sie nicht auf ihre Stadt fallen sehen. Der Kellner, der
ebenfalls alles beobachtet hat, sagt, er habe noch überlegt, ob er dem Dieb
hinterher sprinten solle, aber er hatte schon einen zu großen Vorsprung. Und
auch er beteuert wieder: So etwas passiere hier normalerweise nicht. Ich 
schaue mich um: Es liegen ungefähr ein Dutzend Taschen und Rucksäcke 
neben ihren Besitzern auf den leeren Nachbarstühlen. Der nette Kellner schaut
mich an und meint, "you know, you are old ...", und das sei wohl der Grund,
warum der Dieb mich ausgesucht habe. Naja, so hätte er es jetzt auch nicht 
unbedingt sagen brauchen. Aber er hat ja recht. 

In dieser Stadt kann man sich wirklich schnell und leicht alt fühlen. Hier sind
alle so jung. Obwohl: in manchen Parkanlagen oder auch am Krautmarkt
hinter manchem der Gemüse-Verkaufsstände - auch im Supermarkt, in
dem ich täglich einkaufe -, habe ich schon runzeligere Gesichter gesehen. 
Und freilich gibt's auch unter den vielen jungen, dynamisch Dahinstreben-
den welche, denen siehst du ihr Gestrandetsein an. Da fällt mir wieder Jan
Skácel ein, den ich wirklich nur jedem ans Herz legen kann.  Eines seiner 
Feuilletons heißt: "Kleine Rezension über die Suche nach dem örtlichen
Säufer".  Es beginnt mit dem Satz:  "Es werden euch keine Bücher helfen,
keine Zeitungen, das Fernsehen schon gar nicht, nichts zu machen, wenn
ihr eine fremde Stadt kennenlernen, begreifen und verstehen, wenn ihr
sie kennen wollt, dann müßt ihr euch auf einen langen und kostspieligen
Weg machen und ihn suchen." "Ihn" ist natürlich der örtliche Säufer. Das 
sei ein "wissender Mann", jedem Baedeker überlegen, schreibt Skácel, je-
mand, der ein ehrenvolles, gleichzeitig aber schmerzliches Amt auszufül-
len habe, eben das des örtlichen Säufers. Ich hab schon eine Ahnung, wo 
in Brünn jene Plätze sein könnten, wo er sich versteckt.

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