08 10
tuckova

Meine erste Frage an 
Kateřina Tučková, nachdem wir uns im Soul Bistro 
im ehemaligen Gebäude des Tschechischen Fernsehens in der Jezuitská 
niedergesetzt haben, ist die nach dem Ausgang der gestrigen Wahlen zum
Brünner Stadtrat. Kein guter Einstieg. Ihr Gesicht verdüstert sich schlag-
artig. Ob sich was gravierend ändern wird, hake ich nach, weil sie erst 
einmal schweigt. Allerdings! Die eher fortschrittlichen, alternativen, kultur-
affinen Parteien, die zum Beispiel das von ihr mitorganisierte Festival 
"Meeting Brno" die letzten Jahre unterstützten, haben alle den Sprung ins
Parlament nicht geschafft. Krebsen irgendwo  bei vier Prozent herum. 
Katka ist ärgerlich. Wieso habe man sich nicht auf eine gemeinsame Liste
verständigen können, dann wären wenigstens ein paar Abgeordnete drinnen.
Das kommt mir bekannt vor. Daß sich das eher linke Spektrum der Po-
litik gerne mal aller Einflußmöglichkeiten beraubt, weil man schön Sektie-
rertum betreibt und Zusammenarbeit möglichst von vorneherein aus-
schließt. Ich erzähle ihr ein bißchen von der anstehenden Bayernwahl 
am nächsten Sonntag und was wohl passieren wird, wenn rein
rechnerisch eine Mehrparteien-Regierung jenseits der CSU möglich wäre.
Dann können wir ja mal die Probe aufs Exempel machen.

Schnell verlassen wir das Feld der Politik wieder. Erzählen uns, an was
wir arbeiten. Katka wird eine von fünf Stipendiat*innen sein, die nach
Leipzig gehen, der November ist ihr Monat. Was sie denn an Arbeit mit-
nehmen wird, frage ich. Die 800 Seiten Erstfassung ihres neuen Romans. 
Die gehören überarbeitet und vor allem eingedampft, sagt sie. Was ist 
das Thema? Wieder außergewöhnliche Frauenschicksale. Das zieht sich
bei ihr als roter Faden durch. In ihrem ersten Roman, "Die Vertreibung 
der Gerta Schnirch" (noch nicht ins Deutsche übersetzt), war es das Schick-
sal einer aus einer deutsch-tschechischen Mischehe stammenden Frau,
die den Brünner Todesmarsch mitmachen mußte, mit einer wenige Monate
alten Tochter in den Armen. Weil sie das Ziel aber, die österreichische Grenze, 
nicht erreichte, wurde sie in Südmähren zur Zwangsarbeit gezwungen. Spä-
ter durfte sie zurück nach Brünn, das nun nicht mehr ihre Heimatstadt war. 
Ihr zumindest von der Mutterseite herrührender deutscher Biographie-An-
teil sollte nämlich tunlichst verborgen bleiben, wollte man keine Drangsa-
lierungen erleben. Das Ganze fußt auf authentischen Schicksalen, versichert
mir Katka.

In ihrem zweiten Roman, "Das Vermächtnis der Göttinnen", der auch auf 
deutsch vorliegt, geht es um "Weise Frauen" und Heilerinnen aus 
den Karpaten, die - als Art moderne Hexen verfolgt - unter den Kommu-
nisten Furchtbares zu erleiden hatten. Und auch der neue Roman, so deu-
tet sie mir an, handele wieder von ganz außergewöhnlichen Frauen. Wäh-
rend der Kommunistenherrschaft habe nämlich in Brünn eine Art ka-
tholische Untergrundkirche gewirkt, in der es - aus Mangel an geweihten
männlichen Priesten - auch Frauen gegeben habe, die das Priesteramt 
ausgeführt hätten, offenbar geduldet von der Amtskirche. Hatte man
auf diese Art und Weise doch zumindest einen Stachel im Fleisch der roten 
Atheisten stecken. Nach der Wende wurden diese Frauen von der Kirche 
nicht mehr anerkannt. Katka hat für diese Arbeit wieder viel in Archiven 
recherchiert, auch in denen der Geheimpolizei. Die einzigen, die ihr kei-
nen Einblick in ihre Akten gewährten, waren die Kirchengewaltigen.

Wie es da paßt, daß ich ihr von meinem Resl-von-Konnersreuth-Pro-
jekt erzählen kann. Sie horcht sichtlich auf. Das wäre ein Stoff auch 
ganz nach ihren Interessen, habe ich den Eindruck. Jedenfalls fragt 
sie intensiv nach. Wir stellen fest, daß uns anscheinend ähnliche The-
menfelder inspirieren. Und uns ein ähnliches Interesse anspornt, nämlich
eines, das gar nicht in erster Linie religiös oder gar irgendwie esoterisch
motiviert ist, sondern rein davon aufzuzeigen, wie in ganz bestimmten
historischen Situationen Menschen sich verhalten, welche Ideologien,
Glaubensgrundsätze und Weltbilder sie dabei antreiben. - Wir verabreden
uns für ein zweites Gespräch gegen Ende meiner Zeit hier in Brünn. Möch-
te ja noch ein Interview mit ihr aufnehmen, vielleicht läßt sich über die-
sen Brünn-Aufenthalt etwas für den BR machen. Jetzt  muß Katka erst 
einmal nach Prag, denn sie, die gebürtige Brünnerin, lebt schon seit ein 
paar Jahren an der Moldau und nicht mehr in Mähren. Sollte sie fragen,
warum.

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