09 10
aktivplastik

Gestern zeigte mir Katka noch auf dem Stadtplan, wo Ivan Blatný geboren
und aufgewachsen ist. Nämlich quasi gleich ums Eck von meiner Wohnung.
Ich müsse nur links die Gorkého hinuntergehen, bis zum ehemaligen Ge-
treidemarkt, Obilní trh. Dort gebe es auch schöne Bierkneipen, mehr so Typ
Intellektuellentreff, weil in den Straßenzügen dort seien auch etliche Uni-Ge-
bäude zu finden. Sie jedenfalls habe viel Zeit dort während ihres Studiums
verbracht.

An der Einmündung zur Gorkého hängt eine Boa constrictor über den Geh-
steig (siehe Foto). Jedenfalls hätte das Vladimír Boudník , Bohumil Hrabals
verrückte Künstler- und Graphiker-Freund, sicher so gesehen. Wer mehr zu
ihm wissen will, sollte Hrabals "Sanfte Barbaren" lesen, eine seiner bewegend-
sten tragikomischen Erzählungen. Dieser Boudík war irgendwie vom selben
Geiste wie Blatný. Mir "normalen" Maßstäben gemessen, müßte man sagen: 
des selben verwirrten Geistes.  Man könnte aber auch sagen: des überspru-
delnd kreativen Geistes. Blatný hat sich ja tatsächlich hinter die Mauern
wechselnder Irrenanstalten zurückgezogen. Und zwar in England. Dorthin
war er 1948 mit einer Schriftstellerdelegation gelangt, von der er sich absetzte, 
um nicht mehr zurück in die immer mehr in den Griff der kommunistischen 
Partei geratende Tschechoslowakei zu müssen. In England glaubte er sich
schließlich von der Geheimpolizei verfolgt. Als einzig sicherer Zufluchtsort
erschien ihm das Irrenhaus.

Als junger Mann und in seiner Brünner Heimat war er ein hoffnungsvoll auf-
strebender Lyriker gewesen. In seinem eher noch konventionell anmutenden
Frühwerk kommen immer wieder die Brünner Straßen und Viertel vor, in 
viel Herbstnebel und Nieselregen getaucht. Später, in der Anstalt, veränderte
sich sein Schreiben. Es wurde zu einer Art "ecriture automatique", er schrieb
einfach alles auf, was ihm durch den Kopf schoß, scheinbar zusammen-
hangslos, wild auch zwischen den Sprachen Tschechisch, Englisch und Deutsch
hin- und herspringende. Tausende von Zetteln kritzelte er auf diese Art und
Weise voll, die er in seine ausgebeulten Hosen- und Jackentaschen zusam-
men mit Zigaretten und Schokolade stopfte. Jahrelang entsorgten die Wärter 
das Zeug in den Müll. Bis eine Krankenschwester auftauchte, den Wert 
dieser Notate erkannte, sie aufhob, sammelte und schließlich dem tschechi-
schen Exilverlag "68 publishers" im kanadischen Toronto schickte. Anfang 
der 1950er Jahre war Blatný in der Tschechoslowakei für tot erklärt worden, 
so gut hatte sein Versteck ihn verborgen. Bald war es, als hätte er nie existiert. 
Nach der Wende entdeckte man auch in Tschechien sein Werk, heute gilt er 
als einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts.

Kateřina Tučková hat mich darauf aufmerksam gemacht, es gebe einen Mann
in der Stadt, der wisse alles über Blatný. Er habe ihn noch vor seinem Tod in
England im Irrenhaus besucht und einen 600seitigen Roman über ihn geschrie-
ben. Sein Name ist Martin Reiner. Er hat für den Brünner Stadtrat kandidiert,
erreichte aber nicht ausreichend Stimmen, um ins Parlament einzuziehen. 
Jetzt müsse er eigentlich wieder Zeit haben, um sich eventuell mit mir zu tref-
fen, meint Katka.

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