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marecek

Ich glaube, es gibt kein Haus in der Stadt, von dem Dr. Zdeněk Mareček nicht
wie aus der Pistole geschossen zu sagen wüßte, welcher Architekt es gebaut, 
welche berühmte Persönlichkeit darin gewohnt  und welche weitere Zelebri-
tät in welchem Jahr zu welcher Stunde daran vorbeigegangen ist. Ich über-
treibe. Aber nur unwesentlich. Dieser Mann ist ein wandelndes Lexikon, dem
mein grenzenloses Staunen gehört. Es sind zwar "nur" ein paar wenige Straßen-
züge rund um die Masaryk-Universität, die ich mit ihm mitwandeln darf, wir sind
knappe zwei Stunden unterwegs, aber was sich allein da an Geschichten, Querbe-
zügen, Echolotungen in die Vergangenheit ergibt, ist für mich atemberaubend. 
So weiß ich nun zum Beispiel, daß meine schon zur Routine gewordene Morgen-
übung, nämlich nach dem Aufstehen als erstes einen Blick auf den Park zu Füßen
meiner Dachwohnung zu werfen, wohl von Robert Musil geteilt wurde, "er
wohnte da drüben", sagt Dr. 
Mareček und zeigt auf die gegenüberliegende Hof-
seite, "bei seinen Eltern, während er an der technsichen Universität studierte. 
Ein paar Häuser von früher stehen zwar nicht mehr, aber der Park ist noch immer
derselbe. Musil sah dieselben Bäume wie Sie."

Und so geht das in einer Tour weiter. Gleich schräg gegenüber vom Haus, in dem
Musils Eltern lebten, wohnte Karel Čapek als junger Mann. Dort, wo Ivan Blatný 
Tag für Tag auf den Getreidemarkt hinaussah, ist natürlich auch eine Gedenktafel
angebracht, ich wußte gestern nur noch nichts davon und habe sie deshalb nicht
gefunden. Was alleine über den Campus der Universität wiederzugeben wäre ... 
am besten hat mir das Detail gefallen, daß das schöne alte Gebäude, das neben
der neuen Bibliothek und anderen Bauteilen steht, einst ein Waisenhaus war
und jetzt die Philosophische Fakultät beherbergt. Genau! Die Philosophen gehö-
ren ins Waisenhaus und die Dichter in die Irrenanstalt. Anschließend ist auf der Welt
wieder schön aufgeräumt.

Zusammengekommen bin ich mit Herrn Dr. 
Mareček, weil er mich zu einer Lesung
vor seinen Deutschstudenten eingeladen hat. Anschließend sind wir noch zum Essen
gegangen, angeschlossen hat sich uns Dr. Magdalena Havlová, 
ebenfalls Dozentin
am Germanistischen Lehrstuhl , und zwar für Dolmetschen und Übersetzungen, sie
selber arbeitet auch auf diesem Gebiet. Da ging es dann im munteren Hopping über
die Themeninseln Politik, Literatur, Geschichte der Deutschen in Brünn, dem Wandel
bei unseren Vertriebenenverbänden und noch manches mehr. Das muß ich erst ein-
mal alles sacken lassen. Und auf manches davon, habe ich der schweren Verdacht, 
werde ich noch das ein und andere Mal zurückkommen. Es sind ja noch 21 Tage, 
sprich drei Wochen auch hier in diesem Blog zu bestreiten.

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