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krokodile

Warum, zum Henker, hängt vom Gewölbe der Torhalle unter dem alten Brün-
ner Rathausturm ein Krokodil  von der Decke? Irgendwie haben es die Tsche-
chen mit den exotischen Tieren. Pilsen führt ein Kamel im Wappen. Ob es
das Fernweh dieses kleinen Volkes in seinem kleinen Land ist, das es auf solche
Ideen kommen läßt? Sie sagen ja auch laufend zur Begrüßung und Verabschiedung 
"Ahoj", ganz so als wollten sie sich damit selber einreden, sie besäßen eine 
maritime Flotte und seien in Wahrheit allesamt Seefahrer. Hallo, ich tu's ja nicht 
gerne, aber ich muß euch erinnern: Böhmen liegt gar nicht am Meer. Jetzt 
werdet ihr behaupten: Aber mindestens  im Mississippi- oder meinetwegen 
auch im Nil-Delta, woher käme sonst bittä-scheen das Krokodil im Brünner 
Rathaus.

Vom ungarischen König Matthias II. Der hat das ausgestopfte Tier den Brünner 
nämlich 1608 zum Geschenk gemacht. Wohl um die mährischen Stände sich
gewogen zu machen und auf seine Seite zu ziehen. Er lag nämlich im Clinch mit
seinem Bruder Rudolf II. , der als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deut-
scher Nation seinen Hofstaat in Wien zusammengepackt hatte, nach Prag um-
gezogen war und sich seither auf dem Hradschin verbarrikadierte.  Dort oben
pflegte er am liebsten bloß noch Umgang mit Astrologen und Alchemisten wie
Tycho Brahe und John Dee, mit Künstlern wie Arcimboldo und Gottsuchern wie 
Rabbi Löw. Feldherren und Fürstenberater konnten ihm gestohlen bleiben. Mit
dem Endergebnis: Bruder Matthias marschierte einfach mit Reitern und Lands-
knechten in Prag ein, setzte seinen Bruder ab und machte sich selber zum Kai-
ser. Und damit höre ich auch schon auf mit dem kleinen historischen Exkurs. Er 
ist mir nur deshalb gerade so präsent und nah, weil der narrische Kaiser auf 
dem Prager Hradschin in meinem nächsten Roman keine unwesentliche Rolle
spielen wird.

Gut, das sind alles alte Geschichte. Man könnte aber auch sagen: Das Krokodil
hängt im Brünner Rathaus, weil es absolut keinen Grund gíbt, es abzuhängen,
die Kommunalpolitik ähnelt nämlich noch immer einem einzigen Bestienpfuhl. 
Zu dem Eindruck gelangte ich vorgestern bei meinem Mittagsgespräch mit Frau 
Halová und Herrn Dr. Mareček. Vor allem die Übersetzerin geriet sichtlich in 
Rage und stieß einige gar nicht freundliche Charakterisierungen der Brünner aus.
Gemeint hat sie aber eigentlich vor allem die Lokalpolitiker. Die, ihrer Erzählung
nach, leisteten sich aber auch wirklich ein ziemliches Schurkenstück. Da gibt es 
den bis vor kurzem noch amtierenden Bürgermeister Petr Vokřál. Der sei zwar
von der ihr gar nicht sympathischen "Oligarchen-Partei" Ano, aber als Bürger-
meister sei er durchaus in Ordnung gewesen. Zwar habe seine Partei jetzt bei 
der Wahl ordentlich verloren, stärkste Fraktion sei sie aber geblieben. Und 
hätte mit der zweitstärksten Partei, der ODS, eigentlich eine Koalition machen 
wollen. Die Pressekonferenz, auf der das gemeinsam bekannt gegeben werden
sollte, war für den vergangenen Donnerstag angesetzt gewesen.

Donnerstag früh, so Frau Havlová, soll nun der gute Herr 
Vokřál wahrscheinlich
vom Morgen-Fernsehen, ohne einen Funken Ahnung davon gehabt zu haben, 
darüber informiert worden sein, daß die Spitzenkandidatin von ODS heimlich 
eine Koalition aus ihrer eigenen Partei, der christdemokratischen 
KDU-ČSL, der 
sozialdemokratischen 
ČSSD sowie den Piraten geschmiedet und sich ganz einfach 
selber auf den Primatorsessel plaziert habe. Markéta 
Vaňková  wird die neue Erste 
Bürgermeisterin von Brünn sein, und ist, wenn man Frau Havlová glaubt (die
von sich sagt, sie sei eine unbedingte Feministin), eh bloß eine Marionette 
der männlichen Strippenzieher dieser plötzlich aufgetauchten Viererkoalition. - Wa-
rum nur, noch mal zum Henker, fällt mir jetzt der Name Ilse Aigner ein und drän-
gen sich mir dauernd Parallelen zur übermorgen stattfindenden Bayernwahl auf?

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