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kasematten

Die Kasematten der "Vöstung Spilberg" - so die Schreibung in alten Dokumen-
ten - sind eines der touristischen Highlights der Stadt. In den weitläufigen, sich
auf zwei Stockwerken erstreckenden Gewölbegängen kann man sich so herr-
lich gruseln, zumal wenn man auf "Installationen" trifft wie eine nachgestellte
Folterkammer, in der auf einer Streckleiter einer menschlichen Puppe gerade 
die Schultergelenke ausgekugelt werden. Wenigstens das Info-Blatt, das man
auf Wunsch auch in deutscher Sprache ausgehändigt bekommt, bleibt bei 
Wahr- und Nüchternheit: In den Kasematten wurde überhaupt nie gefoltert und
auch sonst ist manches stark übertrieben. "Die Gerüchte des Ankettens der
Häftlinge an das 'Rattenloch' sind ein ausgesprochenes Hirngespinst aus spä-
terer Zeit", liest man zum Beispiel in dem Faltbaltt.

Wahr allerdings ist, daß unter Kaiser Joseph II. die ursprünglich als militärische 
Depots errichteten Gewölbe zum Gefängnis für Schwerstverbrecher umfunk-
tioniert wurden. Schon wieder nicht mehr wahr, muß ich mich belehren lassen, 
ist, daß Franz Freiherr von der Trenck auch in einem solchen tageslichtlosen Rat-
tenloch festgehalten wurde, wo es lange, grob gezimmerte Holzpritschen gab,
die für mehr als 20 Mann als Nachtlager dienen mußten. Trenck war in einem
ebenerdigen Gefängnisgebäude im Hinteren Graben inhaftiert, längst wurde es
abgerissen und man erkennt nur mehr die Grundrisse. Er hatte hier genügend
Platz, sogar einen Bediensteten, bekam täglich einen Dukaten ausgezahlt und
speiste zusammen mit dem Festungskommandanten. Eigenartig muß uns
heute das alles vorkommen. Diese seltsamen Ehrenkodizes. Der Mann war ur-
sprünglich zum Tode verurteilt worden, weil er sich - selbst für die völlig anderen 
Maßstäbe der damaligen Zeit - man könnte sagen als Kriegsverbrecher aufgeführt
hat, mit großer Grausamkeit gerade gegen die Zivilbevölkerung. Alle militärischen 
Dienstgrade wurden ihm aberkannt und eigentlich hätte er füsiliert werden sollen. 
Doch Kaiserin Maria Theresia begnadigte ihn zu dieser Spielberger Festungshaft 
mit den gerade eben genannten Annehmlichkeiten. Seine militärischen Taten 
zu ihren Gunsten im Spanischen Erbfolgekrieg dankte sie ihm halt doch ... zivile 
Opfer hin oder her.

Und so führte dieser Freiherr das Leben eines frühen Karadžić oder General Mladi
ć,
nur eben nicht vor einem Den Haager Völkergericht, sondern in seinem recht 
kommoden Brünner Arrest. Auch sein Vermögen blieb unangestastet und wurde 
ihm nicht etwa  abgenommen. Er konnte daraus, weil ihn dann anscheinend doch 
irgendwelche Skrupel plagten, die Stadt Cham, die er Jahre zuvor noch gebrand-
schatzt hatte, ebenso großzügig bedenken wie die Kapuziner-Mönche, unten in 
der Brünner Altstadt. Schließlich wollte er dort einmal beigesetzt werden und 
dann sollten ihm bittschön auch Seelenmessen gelesen werden. Genauso ist es
dann auch gekommen, und die Mumie des Freiherrn liegt noch immer in der Ka-
puzinergruft, aufgebahrt unter einem gläsernen Schrein. Auch dort werde ich wohl 
die kommenden Tage noch einmal vorbeischauen müssen.

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