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krypta

He Tod, warum hast du so ein schiefes Maul? - Damit ich dich besser an-
grinsen kann. Du gehörst nämlich mir. - Ah geh. - Jaa, schau dich doch mal 
um. Mir gehören alle. Da wird keiner übersehen und vergessen. Ja, und 
so hab ich mich halt dann umgesehen, in der Krypta unter der Jakobskirche.
Und ich muß sagen: Der Tod hat recht. Die Gebeine von geschätzt 
50.000 Brünnerinnen und Brünnern, Frauen, Männern und Kindern, liegen
dort aufgestapelt, und zwar fugenlos aufgestapelt, zu beklommen ma-
chenden Wänden einer finsteren Nekropole. Besonders ein Raum des
Gängelabyrinths läßt einen schaudern. Er ist wie eine Art kleine Kapelle, 
dort steht auch ein Lesestehpult und die Mitte des Raumes wird domi-
niert von einer mächtigen Säule, es bräuchte wohl drei Menschen, um 
sie mit den Armen zu umgreifen. Sie ist zusammengesetzt aus lauter
menschlichen Knochen, nebeneinander aufgereihte Totenschädel bilden
eine Art umlaufende Friesbänder. Die Wände ringsum auch nur gesta-
pelte Knochen. - Das Brünner Beinhaus ist übrigens das zweitgrößte in 
ganz Europa nach den Pariser Katakomben.

Ja, in Brünn da haben sie auf alle Fälle schon auch was verstanden von 
den Inszenierungen eines barocken Katholizismus. Da wurden Tod und
Teufel, Engel und Himmelfahrt auf die Bühne eines bildmächtigen theatrum
mundi gestellt, daß es nur so eine Schaulust, aber auch ein Schau-
Schaudern hat. Insofern: Hier paßt mein mitgenommenes Arbeits- und
Schreibthema "Resl von Konnersreuth"  durchaus gut her, und die 
Seiten füllen sich ja auch und ich komme absehbar dem Ende immer 
näher. Die letzten Tage erst habe ich Max Reinhardt in meinem Stück
darüber räsonnieren lassen, daß genaugenommen Theater und katho-
lische Kirche nicht nur viel miteinander zu tun haben, sondern in eins 
gesetzt werden können. Ja, es gibt ja sogar eine Rede von Reinhardt,
in der er sein Verständnis von Schauspiel und Schauspielern darlegt, 
und ohne den Namen explizit zu nennen, preist er Therese Neumann
als jemanden, den sich Schauspieler zum Vorbild nehmen sollten, konn-
te sie doch allein mittels ihre Imaginationskräfte eine Realität wie die
der aufbrechenden Stigmata hervorbringen. So jedenfalls seine Erklä-
rung des Phänomens.

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