17 10
martinreiner

Šalina sagen übrigens die Brünner zu ihrer Straßenbahn ... auszusprechen
"Schalina". Es klingt das deutsche Wort "Schtraßenbahn" an. 
Šalina ist ein
typisches Beispiel für den Hantec, eine Art Brünner Dialekt, der früher in
der Stadt gesprochen wurde, heute allenfalls noch von ein paar älteren
Leutchen. Im Hantec mischen sich mährisch eingefärbtes Tschchisch, 
(Habsburger-)Deutsch und Jiddisch. "kšeft" für "Geschäft, "tauzna" für den
1000-Kronen-Schein oder "cetl" für Quittung wären weitere Beispiele. 
Heutzutage ist der Hantec nahezu ausgestorben. Die Träger und Bereiche-
rer dieser Sprache fehlen, die Deutschen und die Juden. Ein paar junge
Leute finden diesen untergegangenen Dialekt cool. So gebe es beispiels-
weise eine junge Punk-Musikerin, erfahre ich, die Texte mit Hantec-
Einsprengseln singe.

Der Dichter Ivan Blatný, von dem hier schon mehrfach die Rede war, hat
von seinem Großvater unter Garantie dieses Hantec gehört. Meint Martin
Reiner. Heute Mittag habe ich ihn getroffen, vermittelt hat das Ganze Di-
rektor Kubíček von der Mährischen Landesbibliothek, der ein alter Freund
von Reiner ist. Und so sitzen wir jetzt im "Restaurace Jakoby", gleich ge-
genüber der Jakobskirche und fachsimpeln darüber, was das alles für die
Lyrik des Dichters Blatný bedeutet. Als deren besonderes Stilmerkmal
wird nämlich von überraschten Literaturkritikern - auch beim erst kürz-
lich erschienenen Band "Hilfsschule Bixley" wieder - hervorgehoben, der
Dichter habe da etwas ganz Besonderes gemacht, nämlich oft zwei, drei
Sprachen - Tschechisch, Englisch, Deutsch - innerhalb eines Gedichtes 
gemixt. Von einer Zeile zur nächsten. 

Gar nichts Besonderes! Zumindest für jemand, der in Brünn aufgewach-
sen ist und Hantec gehört hat. So wie Ivan Blatný. Mittlerweile habe ich 
auch das Haus ausfindig gemacht
, wo Blatný aufgewachsen ist, gleich 
ums Eck von mir am Rande des Getreidemarktes steht es. Eine Gedenk-
tafel macht darauf aufmerksam. Auch auf ihr ist der Sprachenmischmasch
eines seiner Gedichte abgebildet. 

blatnytafel

Es war Mitte der 80er Jahre, erzählt mir Martin Reiner, daß er zum ersten
Mal den Namen Ivan Blatný gehört habe. Er hielt eine Lesung eigener Ge-
dichte und anschließend habe jemand gesagt, diese Texte erinnerten ihn
an Ivan Blatný. Das muß einer jener älteren Brünner gewesen sein, der
sich noch an den Sohn des Optikers Blatný vom Kornmarkt erinnerte. Der
Dichter war, wie bereits einmal erwähnt, zu dieser Zeit quasi eine inexisten-
te Person. Reiner fing an, Nachforschungen über diesen Verschollenen
anzustellen. 20 Jahre lang bereitete er seinen Roman "Básník" vor, "Der 
Dichter". Man kann also, glaube ich, hier davon sprechen, daß da jemand
sein Lebensthema gefunden hat. Wir verabreden uns zu einem weiteren
Treffen. Dann werde ich mein Aufnahmegerät dabei haben und genauer
nachfragen.

Zurück zur Navigationsseite.