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judenfriedhof

Da liegen sie einträchtig beieinander, der Herr Berthold Deutsch mit
seiner Gattin Sofie, die Karoline und der Filip Deutsch, aber auch der 
Siegmund und die Betti Czech. Czech und Deutsch, ich weiß nicht, ob
die in Brünn immer so friedlich koexistiert haben, hier jedenfalls tun sie
es. Weil die, die auf diesem Friedhof liegen, die eint noch etwas anderes:  
Sie waren alle miteinander Juden. Das muß zwar jetzt auch nicht unbe- 
dingt bedeuten, daß deswegen keine Animositäten, Rivalitäten, auch 
Feindschaften untereinander vorgekommen sind - man schaue sich nur 
die Hahnenkämpfe beispielsweise unter Wiener Kaffeehausliteraten an, 
nicht wenige von ihnen jüdischer Herkunft -, aber es bleibt nun mal die 
singuläre Tatsache, daß jedes einzelne Mitglied dieses Kollektivs vom
Vernichtungsurteil der Nazis betroffen war. Es stand ihnen alle dasselbe 
Schicksal bevor, das sie auf grausamste Weise einte. Es gibt genügend 
Selbstzeugnisse von Shoa-Überlebenden, in denen sie sagen, erst
Hitler und die Nazis hätten ihnen bewußt gemacht, daß sie Juden seien. 

Vor dem Krieg waren das in Brünn etwas über 11.000 Personen. Von 
ihnen überlebten knappe 700 die Shoa. Die Anfänge eines Gemeinde-
lebens nach dem Krieg waren alles andere als einfach. Als die Kommu-
nisten 1948 das Ruder in der 
ČSSR übernahmen, gingen von den weni-
gen Überlebenden etliche nach Palästina. Und noch einmal 1968, nach
der Niederschlagung des Prager Frühlings. Erst das Jahr 1989 brachte
auch hier eine sachte Wende. Noch 1985 hatte man eine Synagoge 
im Stadtteil Zábrdovice abgerissen. Es blieb nur mehr die Synagoge in
der Sko
řepka in Bahnhofsnähe. Die wurde kurioserweise noch in den
Jahren 1934 bis '36 gebaut, in dem für die Stadt so prägenden Bau-
stil des Funktionalismus. Ich hab sie mir angeschaut. Lag am Weg 
hinaus zum Friedhof. Weil den wollte ich unbedingt auch sehen. 

Bin deshalb mit der Tram-Linie 10  hinaus in den Stadtteil 
Židenice 
gefahren, weil dort draußen erwarb die jüdische Gemeinde Mitte 
des 19. Jahrhunderts ein Areal für den "neuen" Friedhof. Die Fahrt 
dorthin zeigt mir ein anderes Brünn, als ich es bisher kennengelernt 
habe. Auch habe ich den Eindruck, daß in der ruckelnden "
Šalina" 
kaum noch Fremde oder gar Touristen mitfahren. Es geht an Fabriken 
vorbei und eher tristen Wohngegenden. Ich steig versehentlich zwei 
Stationen zu früh aus und gehe ein Stück. Durch Unterführungen 
und an leeren Blechgaragen vorbei. Dann der keineswegs kleine Fried-
hof. Komplett umfaßt mit einer zweieinhalb bis drei Meter hohen 
Ziegelmauer. Ein kamera-überwachtes Infobüro dient quasi als 
Einlaßschleuse. Man kommt nur so hinein. 

Mein erster Eindruck drinnen: Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde 
Brünn scheinen doch alles recht tüchtige und erfolgreiche Gewerbe-
treibende gewesen zu sein. Es gibt fast nur hoch aufragende Grab-
steine. Manche haben  sich richtige kleine Mausoleen bauen lassen. 
Ehrlich gesagt habe ich einen solchen jüdischen Friedhof noch nir-
gendwo gesehen. Am ehesten vergleichbar: der wohlgemerkt neue 
jüdische Friedhof in Prag, auf dem auch Franz Kafka liegt. Hier wie 
dort die Gräber einer erfolgreichen jüdischen Stadtgemeinde, Händler, 
Ärzte, Rechtsanwälte, Wissenschaftler, Architekten. Ich schlendere 
lange durch die Grabreihen. Finde so manche kleine Kuriosität. 
Einen Grabstein zum Beispiel, auf dem steht, hier sei eine Frau 
begraben mit - und jetzt obacht - dem Namen "Rosalie Geduldig, 
geborene Aufrichtig". Kann es das wirklich geben, daß jemand sol-
che Namen trägt oder ist das eine besonders charmante Form des 
Gedenkens an eine Verstorbene?

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