19 10
debattierclub

Ach, war das eine Freude gestern! Ich muß allerdings auch zugeben:
Vor dem Hintergrund dessen, daß das Gespräch vergangene Woche 
im Anschluß an meine kleine Lesung vor ein paar Studierenden des 
Germanistischen Lehrstuhls der Masaryk-Universität so gar nicht 
recht in Gang kommen wollte, war das gestern ein Highlight. Ich war 
eingeladen, am "Deutschen Debattierclub" teilzunehmen, eine Art
lockerer Konversationsnachmittag mit jungen Deutschstudierenden,
stattgefunden hat das Ganze im Brünner Begegnungszentrum. Das
war mir noch ein Begriff von einem meiner früheren Brünn-Besuche
her, als wir auf den Spuren Oskar Maria Grafs hier unterwegs waren.
Für unseren bayerischen Klassiker war Brünn auf seiner Flucht vor 
Hitler  die erste längere Exilstation 
nach Wien. Wir trafen damals die
legendäre Dora Müller, die Graf noch persönlich kennengelernt hatte.
Auch sie empfing uns im "Brünner Begegnungszentrum" und stellte 
uns das Ganze als eine Einrichtung der deutschen Minderheit Brünns 
vor. Sie selber, da  aus einer deutsch-tschechischen Mischehe stam-
mend, gehörte zu jenem kleinen Personenkreis, der von der Vertrei-
bung nicht betroffen war und all die Jahre in Brünn weitergelebt 
hatte - nicht immer unter einfachen Umständen. Aber das alles ist 
eine andere Geschichte, die vielleicht später noch drankommt. Ich 
darf nicht vergessen, daß auf meiner To-do-Liste noch steht: Nach-
schauen, ob das Wohnhaus in der Muchová noch steht, in dem Graf 
vier Jahre lang gelebt hat. Übrigens nach eigener Aussage von ihm 
mit die glücklichste Zeit seines Lebens ... je länger ich selber in Brünn
bin, desto besser verstehe ich ihn.

Aber zurück zu den Deutschstudenten von gestern, ganz junge 
Leute, noch am Anfang ihres Parcours durch die deutsche Sprache
und Kultur stehend, plus zwei Doktoranden, die das Ganze sehr 
geschickt steuerten und anleiteten. Grundlage des Gesprächs war
mein Blog, und ich konnte bald feststellen, den hatten sie offenbar 
aufmerksam und eingehend gelesen. An so kleinen Aufhängern wie
daß Königsberger Klopse auf keine bayerische Speisekarte gehören,
konnten wir ein bißchen deutsche Landeskunde und überhaupt
Nationalgeschichte betreiben. Mit meinem Hinweis, sie dürften
sich "Deutschland" nicht als ein einheitliches Gebilde vorstellen,
da gebe es sehr große Unterschiede, was Sprache, Mentalität, Kul-
tur, Kulinarik etc. angeht, rannte ich allerdings offene Türen ein.
Einer der Doktoranden meinte, das habe er schon mitbekommen,
daß nicht einmal Bayern EIN Bayern sei, das hätten ihm ein paar
Franken deutlich gemacht, die er über Oberbayern habe reden hören.
Irgendwann landeten wir dann bei der Politik, wahrscheinlich
unvermeidbarer Weise. Ich sollte ihnen die Bayernwahl erklären.
Aber nicht nur ich erklärte ihnen etwas, sondern sie auch mir. Nat-
türlich wurde die AfD und die Flüchtlingsproblematik ein Thema. 
Und da mußte ich dann schon anbringen, daß ich bei aller grund-
sätzlichen Sympathie für Tschechien das Land in diesem Punkt
gar nicht verstehen könne: Warum es sich so strikt weigert, bei
einem europäischen Flüchtlingsverteilungspakt mitzumachen. 
Neben ein paar Erklärungsversuchen, die diese jungen Leute aber
selber nicht teilten, sondern  nur wiedergaben, hörte ich ein
paar so deutliche Worte, daß mir das Herz aufging. Einer sagte,
er halte es für nachgerade eine Schande, wie undankbar sich
Tschechien gegenüber der EU zeige, von der es schon ungeheuer
viel profiert habe, ausgerechnet jetzt, da es einmal ein gravieren-
des Problem gebe, eben die Verteilung der Flüchtlinge auf ALLE 
Mitgliedsstaaten. Donnerwetter!, habe ich mir da gedacht, was 
für eine Klarheit im Denken und Reden. Und: Auf solche jungen 
Leute kann man hoffen und bauen.

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