20 10
hrabalhaus

Hier also begann alles. In diesem kleinen Häuschen in der Balbino-
vá im Brünner Stadtteil Židenice wurde Bohumil Hrabal  geboren 
(es ist die Nr. 47, das Haus, vor dem das rote Auto parkt). Es ge-
hörte seinen Großeltern, den Kilians, die ihrer Tochter Marie 
in den recht beengten Verhältnissen ein Obdach boten. Sie war
nämlich ungewollt schwanger geworden, von einem Offizier der 
österreichischen Armee namens Bohumil Bleh, im Sommer 1913. 
Das klingt jetzt von den Großeltern verständnisvoller, als es 
vielleicht war. Bohumil Hrabal selber kolportierte folgende Anek-
dote. Die Kilians saßen gerade zum Essen beieinander, als Toch-
ter Marie ihren Eltern gestand, daß sie ein Kind erwarte, der Ver-
ursacher aber die Vaterschaft anzuerkennen ablehne. Der Vater
habe daraufhin das Besteck auf den Tisch gelegt, ein Gewehr von 
der Wand genommen, habe seine Tochter in den kleinen Garten 
hinterm Haus geführt und gesagt, "knie dich nieder, ich erschieße 
dich jetzt". Hrabals Großmutter soll dazwischen gegangen sein 
mit den völlig gelassen hervorgebrachten Worten: "Laß sie los 
und komm rein, sonst wird das Essen kalt." Ob sie nun wahr ist 
oder nicht: ein typischer Hrabal ist diese kleine Geschichte auf 
alle Fälle.

Überhaupt die Großmutter. Sie scheint die wichtigste Bezugsperson
in Hrabals frühem Leben gewesen zu sein. Die ersten drei Jahre wuchs
er bei ihr auf. Dann lernte seine Mutter den Brauerei-Buchhalter 
Fran-
tišek Hrabal kennen. Nachdem die beiden geheiratet und der Ehe-
mann den kleinen Bohumil adoptiert hatte, zog die junge Familie 
nach Polná um. Das liegt an der heutigen Autobahn von Brünn nach
Prag, noch vor Humpolec. Also nicht allzu weit entfernt. Jedenfalls
nicht weit genug, um den kleinen Bohumil von Ausbruchsversuchen
abzuhalten. Er erzählt, er habe so riesige Sehnsucht nach 
Židenice 
und seiner Großmutter gehabt, daß er sich einmal auf die Ladefläche 
eines Lastwagens geschmuggelt und dort in einem leeren Faß ver-
steckt habe. Mitten unter der Fahrt habe er dann nach vorne in die 
Fahrerkabine gelangt und den Wagenlenker an der Schulter gekratzt. 
Er solle 
jetzt bitte anhalten, er sei nämlich hier zu Hause. - Statt bei 
der Großmutter landete der vielleicht Sechs-, Siebenjährige auf 
der Polizeistation.

Ich schau mich noch ein bißchen um. Wenige Meter vom ehemaligen
Großelternhaus entfernt, dort wo die Balbinová übergeht in Obstgär-
ten und ehemals auch kleine Weinberge (die Großmutter hatte selber 
so einen) hat man einen Gedenkstein für Hrabal aufgestellt. Ich 
wußte das schon, von meiner Internet-Recherche her. Und hab des-
halb extra ein Flaschl Bier im Rucksack mitgenommen. Das deponiere
ich jetzt hier. Dieser schöne Brauch war mir schon bei Hrabals Grab in
der Nähe von Kersko aufgefallen, da standen auch mehrere Bier-
flaschen vor dem Grabstein. Allerdings leere. Meine ist natürlich voll.
Und wenn ich mir die Leutchen so anschaue, die hier an mir vorbei-
schlurfen, da sind garantiert Kandidaten dabei, die sie sich mitneh-
men werden, wenn ich verschwunden bin. Und vielleicht denken 
sie sich: Der Hrabal war schon ein patenter Kerl und ist noch immer
zu was zu gebrauchen.  

hrabalstein


Zurück zur Navigantionsseite.