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trenckmumie

Als mich am Mittwoch Direktor Kubíček fragte, welche Pläne ich 
denn noch für die verbleibenden zwei Wochen in Brünn habe, da sagte
ich wie aus der Pistole geschossen: Kapuzinergruft. Und er schoß
genauso schnell zurück, indem er die Hände über dem Kopf zusam-
menschlug: Um Gotteswille, nein!  Man muß dazu wissen: In Brünn
werden die Kinder nämlich mehrfach während ihrer Schulkarriere 
mit Besuchen bei den Mumien beglückt, die Lehrer kennen an-
scheinend wenig alternative Ziele für Wandertage. UndHerrn
Ku-
biček scheinen da ein paar ungute Erinnerungen geblieben zu sein,
während Martin Reiner, der am Gespräch mit teilnahm, meinte,
seine Tochter habe den Grusel der Gruft eigentlich immer genos-
sen. 

Ich würde ja auch eher letzterer Meinung zuneigen. Tod und Verge-
hen - beziehungsweise im Fall der Mumien: angehaltenes Vergehen - 
üben unbedingt eine Faszination aus, und das durchaus auch auf 
junge Gemüter schon. Warum sonst Gruselgeschichten und Mär-
chen? Sei's wie es sei, die Gruft des Brünner Kapuzinerordens mit 
ihren luftbetrockneten Leichen steht jedenfalls ganz oben auf der
Liste der Touristenattraktionen. Ich muß jedoch aus anderen Grün-
den hin. Denn jemand, der rund 25 Jahre in Waldmünchen gelebt 
hat und seinen Namen folglich selbst im Schlaf noch buchstabieren
könnte auf Grund der Allgegenwärtigkeit des Pandurenoberst im
Stadtleben - bald 70 Jahre spielt man ein spektakuläres Freilicht-
stück über ihn -, muß ich nun also in die Gruft, um die Attraktion 
der Attraktion zu sehen: die Mumie des Freiherrn Franziskus von 
der Trenck.

Er als einziger hat einen ganzen Raum für sich, gleich den ersten.
Dort steht sein Sarg, abgeschlossen mit einem Glasaufbau, der
Eichendeckel mit seinem prunkvollen Namen hängt an der 
Wand. An jeder Ecke der Holztruhe  eine hohe weiße Kerze. Als 
Trenck starb, 1749, wurde er so beigesetzt, wie man es mit den
Mönchsbrüdern machte: in ein einfaches Gewand gekleidet,
wurde der Leichnam auf den Boden gelegt und einen Stein un-
ter den Kopf geschoben als "Kissen". Weiter hinten in der Gruft
sieht man noch eine Reihe Mönche so liegen.

Erst später wurde der Kriegsherr, um nicht zu sagen Kriegsver-
brecher so spektakulär aufgebahrt, wie man ihn heute sieht. 
Das muß nicht unbedingt in seinem Sinne sein. Offenbar konn-
te ihm sein Beichtvater, eben ein Kapuzinermönch hier aus 
dem Kloster, während seiner ungefähr einjährigen Haft oben 
in der Spielbergfestung so ins Gewissen reden, daß er all seine
Taten bereute. Er wollte als armer Sünder in der Gruft bestattet
werden. Gleichzeitig zeigte er sich aber so spendabel in seinem
Testament für das Kloster, daß man dort alle Woche eine See-
lenmesse für den wenig zimperlichen Kriegsherrn las. 

Wirklich zur Ruhe gekommen ist die sterbliche Hülle des Pandu-
renoberst trotzdem lange nicht. Einmal kam ihm ein Finger ab-
handen, er liegt nun in einem kleinen Schächtelchen neben der 
Mumie. Ja, und dann ist da noch die Geschichte mit seinem Schä-
del. Es soll gar nicht seiner sein. Schaut man sich die Mumie
genauer an, sitzt er tatsächlich unnatürlich halslos auf dem 
Rumpf. Mal heißt es, man habe den abgetrennten Kopf zu 
Kaiserin Maria Theresia nach Wien geschickt, als Beweis, daß 
Trenck tatsächlich tot sei. Dann wieder gab es Gerüchte, ein 
Souvenir-Jäger habe ihn entwendet und die Mönche den Kopf 
eines Kapuziners ihm quasi aufgesetzt. Seit vor einigen Jahren 
aber eine penible forensische Untersuchung gemacht wurde, 
ist klar: Alles an der Mumie ist original Trenck!

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