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annaticho

Ich gestehe: Ihr Name war mir auch keinerlei Begriff. Anna 
Ticho. Eine in Israel offenbar sehr geschätzte und verehrte
Malerin. Geboren wurde sie am Brünner Krautmarkt, im
Haus Nr. 21. Dort hängt heute auch eine Tafel, die an sie 
erinnert, neben dem Eingang zu einem Touristen-Coffeeshop.
Sonderlich beachtet wird sie, habe ich den Eindruck, aller-
dings nicht. 

Eine imposante, junge Frau, wie mir ein im Internet gefunde-
nes Porträtfoto aus dem Jahre 1920 beweist. Da war sie al-
lerdings schon in Palästina, denn mit 18 Jahren wanderte sie 
dorthin aus. In Jerusalem, wo sie den Rest ihren Lebens bis
1980 lebte, heiratete sie Abraham Albert Ticho, einen Au-
genarzt aus dem mährischen Städtchen Boskovice. Ihre Ge-
mälde, Aquarelle, Bleistiftzeichnungen - auch hier wird man
im Internet, was Bildwiedergaben betrifft, fündig - stellen
immer wieder die Hügellandschaft rund um Jerusalem dar, 
die alten Olivenbäume, die dort wachsen. Sie sei nach Jeru-
salem gekommen, schreibt sie in einem Brief, als die Land-
schaft dort, künstlerisch betrachtet, noch jungfräuliches Terrain
gewesen sei. Sie aber sei von der "Erhabenheit der Szenerie,
der kahlen Hügel, den großen. alten Olivienbäumen" sogleich
beeindruckt gewesen, die zerklüfteten Abhänge der Hügel
hätten ihr "ein Gefühl von Einsamkeit und Ewigkeit" vermit-
telt.

Etwas, was man am Krautmarkt freilich nicht hat. Hier ist 
quirliges, umtriebiges Leben. Das anscheinend auch Leoš 
Janáček recht genossen hat. Er verbrachte hier seine Ju-
gend- und Schuljahre, ging unter anderem aufs Augustiner-
stift. Später war er Direktor eines Privat-Konservatoriums.
Er liegt auch hier in Brünn begraben, am Hauptfriedhof (wär
vielleicht noch ein mögliches Stadtrundgangsziel). Er soll
besonders gerne die Marktfrauen am Krautmarkt belauscht
haben, die auf- und absteigenden Tonfolgen ihre Ausrufe
sogar in Notationen versucht haben festzuhalten. Unter 
anderem daraus entwickelte er später seine Theorien von
der Sprache naturgegeben innewohnenden Melodien. - Ich 
hab jetzt schon oft und lang genug am Krautmarkt geses-
sen, von melodischen Marktschreiereien war leider gar nichts
zu hören. Allenfalls sympathische junge ukrainische Straßen-
musiker, die relativ schnell ihre Reisekasse aufbesserten.

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