23 10
unterfuehrung

Jetzt habe ich gestern schon wieder über Vergangenheit und
Tote geschrieben, und so beim Drüberschauen über meine
bisherigen Blogeinträge mußte ich denken: vielleicht zuviel
Rückschau, zuviel Friedhöfe, Menschenknochen (ein Bild
von den aufgereihten Kapuzinermönchen habe ich wieder
hinausgeworfen), zuviel, was gewesen und vorbei ist. 
Dann aber las ich ein großartiges Interview von der mich
sehr beeindruckenden Judith Schalansky (auf der Homepage 
der SZ zu finden), in dem sie ungeheuer aufschlußreich über
unser jetziges Hier und Jetzt spricht, indem sie über die
Verluste der Vergangenheit redet. Daraus wenigstens
dieser eine, auch das von mir hier Aufgezeichnete in
seiner Motivation vielleicht besser verständlich machende 
Satz: "Wir sind heute nicht sehr ahnenbezogen. Vielleicht 
begreifen wir uns deshalb nicht als Teil von etwas Größeren."
Aber nur wenn wir das begreifen, daß wir ein winziger Teil 
von etwas weitaus Größerem sind, hat beides eine Chance 
auf Weiterleben: wir und das große Ganze. Eine Stadtge-
sellschaft, die auf einem so vergangenheitsdurchtränkten
Boden lebt, wie die hier in Brünn, hätte die besten Voraus-
setzungen, dieses Gespräch mit denen, die vor uns da 
waren, zu führen. Sich in Beziehung zu setzen zu den Ahnen.

Mensch!, und jetzt geht mir auch ein möglicher Sinn jener
rätselhaften Nachricht auf, die ich vor drei Tagen auf den 
Beton einer Fußgängerunterführung geschrieben fand. Das
war an der Endstation Stará osada der 
Šalina-Linie 3, von wo
aus es nicht weit ist bis zur Balbinová, wo Hrabals Geburts-
haus steht. "slyšíme se?" steht da, "hören wir uns?" Ganz im
konkreten Sinn von "reicht die Akkustik" aus. Wäre es
übertragen gemeint, im Sinne von "Hören wir voneinander?",
"Bleiben wir in Kontakt?", müßte es "u
slyšíme se?" heißen.
Das alles erklärt mir Jindra Dubová, Deutsch-Dozentin von
der Universität Pardubice, die mir schon seit Jahren die un-
ersetzlichsten Hilfen leistet beim Dolmetschen und Über-
setzen aus dem Tschechischen ins Deutsche. Sie also sagt,
"slyšíme se?" heißt "hören wir uns?" Und ich deute das 
jetzt einfach so für mich, daß irgendein Amt für Denkan-
stösse diese Botschaft an der Fußgängerunterführung in
Stará osada anbringen ließ, um uns dies im Bewußtsein 
zu halten, daß wir ab und an die Stimmen aus der Ver-
gangenheit hören und das Gespräch mit den Ahnen su-
chen sollten. Hören wir uns?

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