24 10
hrabalgedicht

Jindra Dubová hätte eigentlich mitkommen wollen und mit-
kommen sollen bei meiner Expedition zum Hrabal-Haus in
Židenice. Sie hatte mich letzte Woche Mittwoch besucht,
war auch mit dabei beim Gespräch mit den Studenten im
Deutschen Debattierclub, die Zeit reichte dann nicht mehr,
sie mußte ja den Zug zurück nach Pardubice erwischen. So
haben wir uns nun über die Gedichtzeilen, die ich vom Ge-
denkstein für Hrabal abfotografiert habe, per e-Mail aus-
tauschen müssen ... ich wollte doch zu gerne wissen, was sie
bedeuten. Und weil Jindra nicht gleich anworten konnte, ich
aber ungeduldig war, habe ich mich selber mit einem Wörter-
buch über die fünf Zeilen hergemacht. Den ungefähren Sinn
habe ich tatsächlich herausbekommen und - das muß ich
jetzt doch mal mit stolzgeschwellter Brust sagen - der er-
sten Zeile konnte ich sogar fehlerfrei ihre Botschaft ent-
locken. Den Rest hat dann Jindra auf Vordermann gebracht 
und wir schlagen nun gewissermaßen gemeinsam folgende
Rohübersetzung vor:

...  und der Leichenwagen mit dem Sarg kommt 
                              [zur Pumpe herauf und drei Häuser weiter,

Turečeks Haus und Andrejseks und Kocoureks, 
und dann im rechten Winkel nach oben 
                              [die letzten fünfzig Meter bis zum Friedhof
, 
wo in der Kurve sich die Pferde noch einmal ausgeruht haben, 
damit sie dann einen einzigen Verstorbenen 
                                                      [durch die Friedhofspforte ziehen.
 


Jindra hat auch ausfindig gemacht, woraus diese Zeilen 
stammen, nämlich aus einem Text mit dem Titel "Obrazy, ze
kterých žiji", allerdings ist er auf dem Gedenkstein etwas ge-
kürzt zitiert. "Bilder, von denen ich lebe" würde das über-
setzt bedeuten, schreibt Jindra. Und wie stimmungsvoll 
und genau sie eingefangen sind, die Bilder, vermittelt sich 
einem erst so richtig, wenn man sie an Ort und Stelle liest, 
genau an dem Punkt, an dem die Straße im rechten Winkel 
den Knick zum Friedhof hin macht. Und auch wenn heute 
keine Pferde mehr den Leichenwagen ziehen, man hört 
dennoch ihren Hufschlag, sieht sie anhalten, schnauben 
und ausruhen, ehe sie sich dann die letzten Meter  bis zum 
Friedhofseingang mühen.

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