25 10
clemens 
Gestern mußte ich meine Residenzpflicht zumindest einmal für 
einen Tag vergessen und nach Wien fahren. Auch um zu sehen, was
das für ein Weg ist, was für eine Entfernung, dieses Brünn-Wien. 
In knappen zwei Stunden wäre es zurückzulegen, wenn da nicht 
der chaotische morgendliche Rushhour-Verkehr gewesen wäre,
der mich schon eine Stunde gekostet hat, bis ich überhaupt ein-
mal aus Brünn heraußen war. Es gibt noch keine durchgehende Auto-
bahn, dafür Baustellen und Umleitungen. Mit anderen Worten: 
Die Verkehrsverbindung zwischen Brünn und Wien ist im wahr-
sten Sinne des Wortes ausbaubar, mit dem Zug ist man wohl 
definitiv schneller.

In Wien habe ich Clemens Coudenhove und Peter Coreth getroffen,
der leider schon weg war, als mir einfiel, ich sollte ein Foto machen
(so der ganz professionelle Poster werd ich, glaube ich, doch nicht 
mehr). Wir besprachen unser Vorhaben, im kommenden Sommer 
zusammen  mit der "Kulturbrücke Fratres" an der waldviertlerisch-
mährischen Grenze im wunderbaren Vierseithof von Peter Coreth 
einen Thementag zur faszinierenden Geschichte der Familie Cou-
denhove zu machen. Bestandteile des Thementages sollen sein: 
eine Ausstellung, quasi Fotoalbum zur Familie, einen Vortrag von 
Clemens  unter Einbeziehung der unveröffentlichten Autobiogaphie 
seines Großvaters Gerolf, Lesung aus meinem "Samurai"-Roman, eine
Musikgruppe als Tagesbegleitung und willkommene sowie notwen-
dige Wortpausenverschaffer, abschließend vielleicht ein Podiums-
gespräch aller Beteiligten. Also, wen's interessiert, schon mal 
vormerken: Nächsten August Treffen im herrlichen Fratres
und Slavonice. Ende der Werbeblock-Einblendung. Das heißt 
das noch schnell:  Gestern abend lief in 3sat eine Dokumentation 
über die Familie Coudenhove. Wer also wissen will, um was es 
sich überhaupt handelt, der schaue sich den Film in der Media-
thek an!

Aber nun weiter im Brünner Monat, der sich ja nun leider unaufhalt-
sam dem Ende zuneigt. Heute vormittag hatte ich noch mal ein
sehr ertragreiches Gespräch mit Petr Minařík und seiner Mitarbei-
terin Renata Obadálková vom Verlag Větrné mlýny.

verleger

Wir hatten vor Jahren schon einmal miteinander zu tun, was uns aber
allen dreien heute erst nach und nach dämmert, nachdem wir uns 
am Krautmarkt im Café Pod Obrazy zusammengesetzt haben. 

Petr Minařík hat nämlich nicht nur - als 21jähriger wohlgemerkt - 
1995 einen Verlag geründet, er ist auch einer der Väter des Poesie-
Festivals "Literarischer Monat Brno". Da werden jeweils zwei Autoren 
zusammengespannt und auf Lesereise geschickt und zwar jeden Tag 
ein neues "Pärchen", so daß schließlich 30 Autorentandems unterwegs 
sind. Eine logistische Meisterleistung, die dem literaturinteressierten 
Publikum eine ganze Menge Autoren präsentiert. Mittlerweile startet 
die Tour in Brünn und führt über Košice, Lemberg und Ostrava bis
nach Breslau. Ich war damals mit dem großartigen Arno
št Goldflam
unterwegs, gebürtig aus einer Brünner jüdischen Familie, Theater-
autor, Schauspieler, Fernsehmensch. 

Für mich war das damals ein ungeheuer intensives Erlebnis, zum
Beispiel mit 
Arnošt im Zug debattierend durch die Karpaten zu fah-
ren. Aber allzu lange können wir nicht in Erinnerungen schwelgen.
Es gibt Aktuelles zu besprechen. 
Petr Minařík interessiert sich sehr
für den "Böhmischen Samurai". Vielleicht habe ich ihn ja endlich ge-
funden, den Verleger der meinen Roman auf tschechisch heraus-
bringt. Eine Übersetzerin hätte ich schon, Frau Prof. Fiala-Fürst
von der Universität Olomouc. Wir vereinbaren, daß ich sie bitte,
für den Verlag ein Probekapitel zu übersetzen.

Die Windmühlen-Verleger selber - das nämlich heißt 
Větrné mlýny, 
Windmühlen - haben auch einiges vor, was im Zusammenhang 
steht mit dem Gastlandauftritt Tschechiens auf der Leipziger 
Buchmesse kommendes Jahr. Sie werden eine Reihe von zehn
kleinen Büchlein herausbringen, jeder Band präsentiert dem deutsch-
sprachigen Publikum einen tschechischen Gegenwartsautor in Über-
setzung. Und für jeden Band haben sie auch einen deutschen 
Autor als Vorwortschreiber. Das heißt noch nicht ganz. Ich werde
gefragt, ob ich nicht für die Textsammlung von Eugen Brikcius 
diese Aufgabe übernehmen möchte. Warum nicht? Ich werde mir
die Sache auf alle Fälle anschauen.

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