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tugendhat

So sehr einen das alles einnimmt, diese kühle Formstrenge, diese
unbedingte Durchdachtheit, dieses bis ins kleinste Detail hinein
verfolgte Gesamtkonzept: am meisten fasziniert hat mich heute
vormittag in der Villa Tugendhat dann doch dieser grandiose Aus-
blick auf das Stadtpanorama von Brünn. Das scheint aber den 
Bau-Eheleuten Grete und Fritz Tugendhat und dem Architekten 
Ludwig Mies van der Rohe  nicht viel anders gegangen zu sein. 
Am Anfang stand ja der Bauplatz am Hang über den sogenann-
ten Augärten, ein Geschenk der Brauteltern Löw-Beer. Dann kam
der Auftrag an den Architekten, diesem Blick quasi die passende 
Umhausung zu geben, verbunden mit dem Versprechen, das
Geld spiele keine Rolle und setze keine Grenze. Zum Schluß
kostete die Villa soviel wie 50 bis 60 Einfamilienhäuser der dama-
ligen Zeit. Mies van der Rohe übrigens, der sich striktest gegen
jeglichen "Zierrat" in seinen so überlegt gestalteten Räumen 
verwahrte - da durfte kein Bild an der Wand hängen und kein
Teppichläufer auf dem Bioden liegen -, begründete dies selbst
damit, daß das großartigste an seinem Bauwerk der Blick auf
die Stadt sei, ein unvergleichliches, lebendes, mit den Jahres-
zeiten sich verwandelndes Gemälde, von dem nichts anderes
ablenken dürfe. Man könnte seinem eigenen Motto "weniger
ist mehr" also ruhig noch ein "und Sonne, Licht, Wind und Wet-
ter sind alles" hinzufügen.

Am Nachmittag dann das Treffen mit Zuzana Čtveráčková. Sie
hat mich zum Brünner Stadttheater bestellt. Als erstes schlei-
chen wir uns in die laufenden Proben zum Musical "Rent", das
Textbuch dazu hat Zuzana aus dem Amerikanischen übersetzt,
der Stadttheater-Intendant Stanislav Moša (links im Bild), führt 
selber Regie. Begleitet von Dramaturg Zdeněk Helbich setzten 
wir uns in der Probenpause ins Theater-Restaurant und essen 
ein ausgezeichnetes Wildgulasch.


stanislaw mosa

Zuzana hat schon vor zwei Jahren mein Bohumil-Hrabal-Stück
ins Tschechische übersetzt. Ich hatte immer auf eine Aufführung
hier in Brünn gehofft, Hrabals Geburtsstadt. Aber jetzt werden
die Prager aller Voraussicht nach schneller sein. Ein Theater in
der Hauptstadt hat sich gemeldet und will bereits im kommen-
den März die tschechische Uraufführung herausbringen. Ich hat-
te mich darauf eingestellt, daß die Brünner darüber vielleicht
ein wenig verschnupft sein würden, zumal mir die uralte Rivalität
zwischen Brünn und Prag durchaus bekannt ist. Aber weit gefehlt! 
Sie beglückwünschen mich und finden es toll. Auch erklärt mir Di-
rektor 
Moša, daß mein Stück für sein Theater einfach zu klein
dimensioniert sei. Gerade einmal vier Rollen sieht es vor. Er 
habe 90 Schauspieler in seinem Ensemble, die müßten beschäf-
tigt werden und da könne er keine seiner Bühnen mit einem 4-
Personenstück blockieren. Aber er beteuert mehrfach, daß er 
sich jetzt bei anderen, kleineren Brünner Theatern für das 
Stück einsetzen will. 
Wir finden alle vier: Es gehört einfach 
nach Brünn. 

Wir haben ein sehr lebhaftes, sympathisches Gespräch. Natür-
lich viel über Theater. Ich erfahre, daß 
Moša Felix Mitterer, 
meinen Bekannten und Kollegen aus ganz frühen Friedl-Brehm-
Verlagstagen, hier bekannt gemacht hat, indem er sein Stück
"Löwengrube" aufführte. Darin geht es um den historischen
Fall des Schauspielers Leo Reuß der wegen seines Judentums
von den Nazis in Österreich Auftrittsverbot erhielt. Reuß 
rächt sich damit, daß er nach einer Phase des Untertauchens
als urwüchsiges tirolerisches Naturtalent unter falschem Na-
men als besonders arischer Volksschauspieler wieder auf-
taucht. Natürlich spircht er im knarzensten Tirolerisch. 
Moša
mußte für die tschechische Entsprechung einen eigenen Brün-
ner Kunstdialekt erfinden, wie erzählt. Das ist für mich das 
Stichwort, um noch einmal nach dem Hantec zu fragen. An-
ders als meine vorherigen Gesprächspartner (siehe weiter oben)
vertreten 
Moša und Helbich die Auffassung, der Hantec lebe
sehr wohl noch. Heutzutage werde er mit russischen und 
amerikanischen Ausdrücken angereichert. 
Moša erzählt, sie
hätten am Theater eine modernisierende "My Fair Lady"-
Fassung aufgeführt, in der die Figuren Hantec sprechen und
das Stück sei noch immer ein Riesen-Erfolg. 
Sein Beweis da-
für, daß Hantec lebe. 

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