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grafhaus

In diesem Haus in der Muchová 6 lebte vier Jahre lang Oskar Maria Graf, einer 
der Größten der bayerischen Literaur überhaupt. Er war Anfang des 1933er 
Jahres gerade auf Lesereise gewesen, als er miterleben mußte, daß Hitler zum
Reichskanzler gewählt wurde. Er, aber auch die Menschen seines engsten Um-
feldes, wußten genau, was das bedeutete. Seine Wiener Freunde beschworen
ihn, ja nicht nach Bayern zurückzugehen. Und das tat Oskar Maria Graf dann auch.
Stattdessen begann er seine lange, ja bis ans Lebensende reichende Exilzeit.
Deren erste Station, nach einigen weiteren Monaten in Wien, war Brünn. Graf
hat immer nur in den höchsten Tönen von dieser Zeit gesprochen, sie sei mit
die glücklichste seines Lebens gewesen. Selbstverständlich gab es auch hier,
wie später in New York, einen Emigranten-Stammtisch, und das Bier in Brünn
war sowieso eines der besten.

Das Haus in der Muchová Straße gibt es noch immer. Ich habe mich gestern da-
von überzeugt, als ich bei der Tugendhat Villa war. Die steht nämlich nur unge-
fähr 300 Meter entfernt dem Ort, an dem Graf unter anderem die Romane 
"Abgrund" und "Anton Sittinger" schrieb und "Das Leben meiner Mutter" be-
gann, dieses National-Epos der Bayern begleitete ihn bis ins amerikanische 
Exil. Die Tugendhats bezogen 1930 ihre Villa, Graf kam '34 nach Brünn, sie
waren also 4 Jahre lang sozusagen Nachbarn. Ob sie voneinander irgendwie
Kenntnis nahmen? Der in deutlicher Armut aufgewachsene Bäckersbub aus
einem oberbayerischen Dorf und das Ehepaar Grete und Fritz, die beide aus 
vermögenden Tuchhändlerfamiien stammten. Vor allem die Eltern von Grete,
das Ehepaar Löw-Beer, gehörten mit ihern Tuch-, aber auch Zucker- und
Zementfabriken zu den reichsten Familien Mährens. Sie alle entstammten 
einer Gesellschaftsschicht, zu der Graf dem eigenen Herkommen nach nur
ein sehr kritisches Verhältnis haben konnte ... außer die zeigten sich als 
seine Mäzene, wie jener Reiche aus dem Münchner Stadtteil Nymphen-
burg, in dessen Villa Graf in seinen wilden Jahren noch wildere Künstler-
feste arrangierte (nachzulesen in "Wir sind Gefangene").

Bestimmt ist Graf oft an der Villa Tugendhat vorbei gegangen. Was wird er
über deren Bewohner gedacht haben? Daß sie jüdischer Abstammung wa-
ren - übrigens genau wie Grafs Lebensmensch Mirjam Sachs auch, mit der er
seit 1919 zusammen war -, dürfte ihm bekannt gewesen sein. Sie mußten
Brünn ebenso Hals über Kopf verlassen im Jahre 1938 wie Oskar und Mirjam, 
Hitler Truppen standen nämlich plötzlich mit einem Bein fast schon in der 
Stadt. Grafs kleine Wohnung in dem netten Einfamilienhaus wird schnell 
wieder belegt gewesen sein. Die Geschichte der weiteren Nutzung der Villa
Tugendhat ist abenteuerlich, ich hörte gestern bei der Führung davon. Na-
türlich wurde das Haus von der Gestapo beschlagnahmt, schon damals
verschwand viel von der Inneneinrichtung. Noch schlimmer aber kam es
nach dem Krieg, als die Villa von der Roten Armee besetzt wurde. Der
Hauptwohnraum wurde zu einem Pferdestall umfunktioniert, und nun 
hatten diese armen Viecher wenigstens den gestern von mir schon be-
schriebenen grandiosen Ausblick auf Brünn.

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