29 10
jan trna

Gestern war zwar der eigentliche Jahrestag, aber - wie man sieht - selbst heute
ist noch beflaggt. Auch die Trambahnen kurven alle mit einem kleinen
tschechischen Wimpel vorne über der Fahrerkabine durch die Straßen, man
feiert ... gedenkt ... erinnert den 100. Jahrestag der Gründung der ersten,
eigenstaatlichen Republik. Mir fällt das gleich auf, als ich mit der 
Šalina hi-
naus in die Bratislavská zu Martin Reiner fahre. Heute habe ich mein Auf-
nahmegerät dabei und mache das Interview, in dem es vor allem um sei-
nen Ivan-Blatný-Roman geht. Wir kommen dann noch etwas ins Plaudern,
obwohl ich spüre, daß er wenig Zeit hat. Der Mann ist aber auch vielbe-
schäftigt. Erst einmal ist er Schriftsteller, dann auch noch Verleger und 
seit allerneuestem politisch aktiv. Zudem hat der 54jährige Familie, zwei 
Kinder im beginnenden Teenageralter. Seine literarischen Arbeiten schreibe er
meist nachts, vor ein, zwei Uhr komme er selten ins Bett. Morgens stehe
er um sieben auf. Zu unserem Gespräch um 9 Uhr treffen wir uns zufällig 
vor seiner Haustür, er kommt bereits eilend vom ersten Termin.

Der Blatný-Roman sei der eigentlich Durchbruch gewesen, sagt er. Er-
staunlich, denn das Thema - das Leben eines ziemlich randständigen, 
ziemlich verschlossenen und reichlich hermetisch schreibenden Lyri-
kers - muß nicht unbedingt für mainstream-verdächtig gelten. Aber das 
Buch scheint etwas zu haben. Jan Trna gestern bestätigte mir auch, er 
habe es innerhalb weniger Tage gelesen, immerhin 600 Seiten. Es beste-
hen Chancen, daß wir deutschen Leser das bald selber überprüfen können. 
Es sollen schon Verhandlungen wegen einer deutschen Übersetzung lau-
fen.

In unserem nach-interviewlichen Gespräch - ich lasse das Tonband aber
trotzdem weiter laufen: alte Reporter-Erfahrung, die wirklich interessan-
ten Dinge kommen oft erst off-record - sprechen wir unter anderem
auch darüber, was es mit der Dichotomie zwischen Mährern und Böhmen 
tatsächlich auf sich habe. Reiner meint, man müsse da aufpassen. Es
gebe sicher Leute, die halten einen für bescheuert, wenn man diesen
Gegensatz immer noch thematisiere, selbst in diesen globalisierten Zei-
ten, in denen das eigentlich ein Anachronismus ist. Dennoch frage ich, 
bewußt etwas provokativ, ob er als Autor und Verleger einen Unterschied 
zwischen böhmischer und mährischer Literatur machen würde. Er sagt 
relativ spontan "ja". Mährische Autoren seien mehr formbewußt. Bei
ihnen gehe es immer auch um das "Wie" des Erzählens, sie seien expe-
rimentierfreudiger, spiel-begieriger. Uns fällt beiden Ji
ří Kratochvil als
unbedingt schlagendes Beispiel für diese ... nennen wir es einmal
 Arbeits-
hypothese ein. Der 78jährige ist auch ein Brünner Autor, immer gewesen,
sein ganzes Laben lang. Und zudem ein Autor grandioser literarischer
Spielereien. Ein böhmischer Kratochvil fällt uns im Moment nicht ein. 
Naja, diese These muß weiter überprüft werden.

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