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jan trna

Gestern Abend Café Trojka, gleich gegenüber vom Verlag Větrné mlýny,
ein richtiges, kleines literarisches Quartier ist das da, in der Passage zwi-
schen der Dominikánská und der Starobr
ěnská. Und außerdem kommt 
man auch noch an der Pivnice U Poutníka vorbei, ich würde sagen der
Inbegriff von "local pub" in Brno schlechthin. Innen Gewölbedecke in 
Tabakbraun, sehr schummrig, nach Bier und Olmützer Quargel riechend 
... aber ich meine: wer hält sich schon innen auf. Draußen vor der Kneipe 
sind einige Stehtische aufgestellt, hier stehen sie beieinander, die gerade 
von der Arbeit heimgehenden "echten" Brünner, junge Frauen wippen ihre 
Babys vor dem Bauch, stadtstreicher-ähnliche Gestalten schauen mit ih-
ren Hunden vorbei. Ausgeschenkt wird das Poutník-Bier aus dem nicht 
weit entfernten Städtchen Pelh
řimov.

Und am anderen Ende der Passage eben das Café Trojka. Hier sitzt mehr
das studentische Publikum. Und es gibt einen langgestreckten Neben-
raum mit kleiner Bühne, ideal für Lesungen, die hier immer wieder statt-
finden. Heute Abend sind 
Kateřina Tučková und ich dran, sehr souverän 
und gewandt moderiert und simultan gedolmetscht von Jan Trna. Die
Lesungen halten wir eher kurz, aus Rücksicht, wie wir gedacht hatten,
auf die wohl größtenteils ausschließlich tschechischsprachigen Zuhörer.
Aber es waren dann doch einige des Deutschen mächtige da, ein 
Freund von Jan und Sprachdozent war kurzerhand mit seinem Kurs ge-
kommen. Sehr angenehmes Gespräch noch im Anschluß, wir sprachen
von Reiner Kunze und Jan Skácel und überhaupt von der Übersetzungs-
problematik, die war nämlich auch während der Veranstaltung ein sich
durchziehendes Thema. Wir beide, Katka und ich - sie ist ja eine, kann
man fast sagen, Weltschriftstellerin, weil bereits in 14 Sprachen über-
setzt - sangen ein Loblied auf die Übersetzer. Ohne sie seien wir Auto-
ren gar nichts, meinte ich, allenfalls im Saft der eigenen, kleinen Natio-
nalliteratur schmorende Würschtchen. Im Grunde habe sich jeder Autor
die thomasbenhardsche Maxime zu eigen zu machen, die da lautet: 
Man muß sich das Höchste vornehmen. Wer glaubt, es genüge für die
eigene Großmutter und Tante zu schreiben, kann es gleich bleiben 
lassen. Die Motivation muß sein, der Welt etwas hinzuzufügen. Ja,
dem Universum. So Thomas Bernhard. Im Universum sprechen sie
aber - vermutlich - weder tschechisch noch deutsch. Und nicht einmal
auf der Welt, jedenfalls dem allergrößten Teil von ihr. Und folglich
braucht es die Übersetzer. Die uns samt unseren Büchern über fremde 
Sprachflüsse übersetzen, hinüber ans anderen Ufer.

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