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strassenmusiker

Das war schön, daß meine "Freunde", die beiden Straßenmusiker aus der 
Ukraine, mich quasi gestern aus Brünn hinausgespielt haben. Es war ja mein
letzter Abend, es heißt Abschied nehmen von der Stadt. Natürlich war ich 
noch mal bei der Pivnice U Poutníka, und dann beim Heimschlendern, un-
weit des Freiheitsplatzes, hörte ich sie  schon von weitem. Ihre traurigen Bal-
laden, unglaublich fein auf der Gitarre nicht einfach nur geschrummt, son-
dern die Melodielinien fingergepickt und der Mann auf der Trommelkiste, 
der war sowieso der Wahnsinn, wie den die Rhythmen im ganzen Körper 
durchzuckten. Ich hatte die beiden immer  wieder die letzten Wochen  
beim Schlendern durch die Innenstadt gesehen,  auf dem Schild vor ihrer 
Kiste, in die man die Münzen werfen sollte, stand: "We are travelling from 
Ukraine." Momentan schienen es aber mehr ein "staying in Brno" zu sein. 

Zuerst spielten sie relativ verloren, da vor dem Schuhhaus Bat'a, und kaum 
einer blieb stehen. Dann aber kam eine Gruppe junger Leute, die hörte
ihnen aufmerksam zu, und schließlich löste sich ein Mädchen aus dieser
Gruppe und ging zum Gitarristen, sprach kurz mit ihm. Anscheinend einig-
ten sie sich auf ein Lied, denn der Ukrainer intonierte die ersten Tonfolgen 
und das Mädchen stellte sich vor den Mikrofonständer und fing an zu sin-
gen ... und wie! Die Ukrainer ließen sich die Show aufs bereitwilligste 
von ihr stehlen, sie begeiteten das Mädchen, als gehörte sie schon immer 
zu ihnen. Und plötzlich blieben die Leute stehen, die blitzhaft aufleuchtende 
Magie dieses Augenblicks übertrug sich auf die Umstehenden. 

Ein schöner Abschluß. Ihr hättet mir keinen schöneren bereiten können, Ihr 
Ukrainer und Du, das Mädchen aus der Slowakei. Denn als solches entließ der
Gitarrist die Sängerin wieder und kündigte an, für sie, die sich wieder unters 
nun zahlreicher gewordene Publikum mischte, noch ein slowakisches Lied zu
singen. Das vorher waren alles englische und amerikanische Songwriter-
Stücke gewesen. Aber das, was er jetzt anstimmte, war noch inniger, noch
trauriger. 

Mit diesen Klängen im Ohr verlasse ich heute Brünn. Es geht weiter nach 
Karlsbad, wo Peter Becher vom Münchner Adalbert-Stifter-Verein in Mün-
chen, dem ich so viele meiner Kontakte zu tschechischen Autoren zu ver-
danken habe, noch einmal zu "Karlsbader Literaturtagen" einlädt. Die 
haben es, wenn man nach dem Programm geht, in sich. Wer da alles zu-
sammenkommen wird. Von daher: Wäre direkt schade, wenn ich ausgerechnet
jetzt mit dem Blog aufhörte. Lassen Sie sich also überraschen, ob es nicht
vielleicht noch einen Karlsbader Epilog geben wird. Und ansonsten:
 
Ahoj Brno!

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