Ein Brünner Monat

Tschechien wird sich 2019 als Gastland auf der Leipziger Buchmesse präsen-

tieren. Aus diesem Anlaß wurde das Stipendiaten-Programm "Ahoj Leipzig
Brno" aufgelegt, in dessen Rahmen fünf tschechische Autoren nach Leipzig
und fünf deutsche Autoren nach Brünn eingeladen wurden. Im Monat Oktober
ist Bernhard Setzwein Gast der mährischen Hauptstadt. Hier können Sie seinen
täglichen Blog lesen.



01 10
spielberg

Nach einer langen Anreise sehe ich heute von Brünn nicht viel mehr als die freilich
recht imposant in Szene und Licht gesetzte Festung Spielberg. Sie ist der krönende
Bildmittelpunkt in dem großen Panoramafenster, das fast die ganze Längsseite
der schönen Stipendiatswohnung einnimmt. Sie ist im obersten Stockwerk eines
Gründerzeit-Mietshauses in der
Veveři-Straße untergebracht, im Vordergrund,
vor der Festung, ein Park mit herrlichen, alten Bäumen und einer verwaisten
Tischtennisplatte.

Spielberg wacht über den Schlaf meiner ersten Nacht. Das nie grelle - auch bei
der Straßenbeleuchtung nicht -, leicht kupfrige Anstrahlelicht der Burg hat etwas
Heimeliges und kann doch nicht ganz vergessen machen, daß die Festung einer
der brutalsten "Völkerkerker" des Habsburger Reiches war. Vor allem Kaiser Jo-
hann II. begann damit, in den ausbruchssicheren Kasematten seine politischen
Gegner aus den immer schon separatistisch gesinnten Kronländern mehr oder
minder bei lebendigem Leib verfaulen zu lassen. Auch Franziskus Freiherr von
der Trenck, dessen mumifizierte Leiche in der Gruft der Brünner Kapuziner
liegt, war dort oben ein gutes Jahr eingesperrt. Aber das ist eine eigene Geschichte,
die in diesen Tagen sicher noch genauer zu erzählen sein wird, zumal von einem,
der lange in Waldmünchen gelebt hat, einer Stadt, die zu Trenck ein ganz be-
sonderes Verhältnis hat. Jedenfalls geht mir diese Geschichte schon heute
vor dem Einschlafen noch durch den Kopf.



02 10
wahlkampf in brünn


Es ist Wahlkampf in Brünn. In fünf Tagen wird der städtische Senat gewählt. Jan
Špilar kandiert für die tschechische Christ-Demokratische Volkspartei, weil er ist
nämlich nicht nur einer der bekanntesten Coiffeure - oder sollte ich besser schreiben
Hairdresser - Tschechiens, sondern auch Diakon an der St. Michaelskirche am
Dominikanerplatz. Zufällig komme ich an seiner Wahlkampf-Performance vorbei,
die weder Assoziationen an seine KDU-
ČSL-Mitgliedschaft nahelegt noch an sein
Diakonen-Dasein. Zu den ziemlich schrägen Klängen einer Punk-Sängerin schnei-
det er in demonstrativer Gelassenheit einer jungen Dame die Haare, was immer das
auch über sein politisches Programm aussagen mag (etwa "ich wasch Euch allen
den Kopf und scher Euch die Haare", was ja auch mal ein Bewerbungsslogan wäre).
Wenn man nun noch hört, daß seine Kandidatur von der Piraten-Partei unterstützt
wird, bekommt man langsam eine gewisse Ahnung davon, daß die politischen
Verhältnisse in Tschechien vielleicht nicht unbedingt mit unseren Maßstäben zu
messen sind.

Oder gilt das nur für die besondere Atmosphäre Brünns, die mir auch jetzt, bei
meinem vierten oder fünften Besuch in der Stadt, schon gleich beim ersten Herum-
flanieren in den Straßen auffällt. Hier ist das Zusammenleben irgendwie bunt,
jung und frisch, von einer offensichtlich ziemlich selbstverständlichen Toleranz
geprägt. Man sieht einen lachenden Benediktiner-Pater in seinem schwarzen Habit,
wie er sich mit einem Familienvater und dessen kleinen Sohn unterhält ebenso
wie den Punk und die feine Lady, die wieder einmal nicht weiß, wie sie ihren
Hausfrauen-Panzer, sprich SUV, parkieren soll, sie tut es schließlich mitten im
fließenden Verkehr in zweiter Reihe, und niemand regt sich auf.

Ich freue mich, daß ich dieses besondere Brünner Leben dieses Mal nicht nur
zwei, drei Tage, wie bei meinen bisherigen Aufenthalten, sondern einen ganzen
Monat lang betrachten darf. "Beobachten" schreibe ich bewußt nicht, weil das
soll es nicht sein. Will kein Beobachter, allenfalls ein Betrachter und Beschauer sein.
 

 


03 10
jan skacel kopf

So wie auch Jan Skácel ein menschenliebender Betrachter war, etwa in seinen
kleinen, ungemein feinen Feuilletons, die weniger bekannt sind als seine Gedichte,
aber nicht minder lesens- und bewundernswert. Lange, bevor ich Brünn das erste
Mal betreten habe, habe ich es auf eine gewisse Art schon gekannt. Weil ich Skácel
gelesen habe. Jahrelang war ihm das Publizieren verboten gewesen, heute ist er
Ehrenbürger der Stadt. Seine Gedichtverse zieren nicht nur einen Brunnen drunten
 in der Stadt, sondern sein Kopf steht nun auch oben auf dem Hügel der Festung
Spielberg, übrigens gar nicht weit entfernt von dem Weinberg, den man aus
Anschauungsgründen wieder angelegt hat, um auf die Historie des Weinanbaus
am Spielberg-Hügel hinzuweisen. Das wird den Wein-Liebhaber Skácel aber freuen!

Ihm mußte unbedingt mein erster längerer Spaziergang gelten. Sehr schöner Platz,
wo der Künstler
Jiři
Sobotka sein Werk aufgestellt hat: ein Kalksteinsockel, mit ein
paar Dichter
worten, darauf die Konstruktion aus Stahlrohren, die so geschickt
verschweißt sind, daß
sie die 3-D-Simulation von Skácels markantem Gesicht wieder-
geben. Der Kopf schaut
auf die unter ihm liegende Stadt. Wenn man hinter dem
Schädel steht, kann man durch die
Stahlrohre hindurch ebenfalls auf die Häuser
schauen, quasi mit Skácels Blick. Raffiniert!




04 10
kubitschek

Prof. Tomáš Kubíček lacht, als ich auf seine Frage hin, wie meine Anreise
nach Brünn gewesen sei, antworte, ich sei ja mit dem Auto gekommen, unter
anderem deshalb, weil ich zum Schreiben um mich herum immer meine Hand-
bibliothek brauche. Und die Kisten Bücher im Zug mitzunehmen, wäre wohl
schlecht möglich gewesen. Das mit der Handbibliothek versteht er auf der
einen Seite sehr gut, der Direktor der Mährischen Landesbibliothek (er ist ei-
ner der Mitorganisatoren des Austauschprogramms). Auf der andere Seite
meint er, ob ich es mir nicht hätte einfacher machen wollen, er habe hier,
wenn ich mich recht erinnere, so um die vier Millionen Bücher. Das dürfte als
Handbibliothek doch auch reichen. Und ich könne hier auch jederzeit arbeiten.
 Sei ja nun schließlich ein registrierter Benützer - mit Ausweis! - der Mähri-
schen Landesbibliothek. Alle seine Mitarbeiter stünden mir jederzeit zur
Verfügung. Im Lesesaal gebe es auch eigens eine Abteilung nur mit deutsch-
sprachigen Büchern. Falls es in der Richtung irgendwelche Probleme gebe.
Und dann schenkt er mir noch einen Text-Bild-band zur "Moravská Zemská
Knihovna", mit einem schelmischen Lächeln und der Bemerkung, er hoffe,
ich habe noch etwas Platz in meinem Auto. Leider sei das Buch nur auf
Tschechisch, aber er gehe davon aus, daß alle fünf deutschen Stipendiaten
nach ihrem Monat Aufenthalt bei ihm und in der Stadt eh perfekt tschechisch
könnten. Wir müssen beide lachen. Der Mann gefällt mir. Das ist genau die
Art von Humor, die ich liebe. 

Was ich ihm nicht erzählt habe, daß meine im Auto mitgenommene Hand-
bibliothek eine ganz ausgefallene ist. Fast nur Bücher über die Resl von Kon-
nersreuth. Ich glaube kaum, daß er mir da hätte aushelfen können. Obwohl:
Irgendwie herrscht in dieser Stadt schon auch ein - vielleicht von alters her
rührendes - klerikales Klima. Mit all den Klöstern und Kirchen. Es wird sich
zeigen, ob das förderlich ist für mein Schreibvorhaben, das ich eigentlich
mit hierher nach Brünn gebracht habe. Auch aus der schlichten Notwendig-
keit heraus, daß es sich um eine Auftragsarbeit handelt, die fertig werden muß.
Es geht um das Stück über die Resl von Konnersreuth. Und über den Stumm-
film, den Max Reinhardt über sie drehen wollte. Er hatte bereits einen Dreh-
buchautor dafür - Hugo von Hofmannsthal - und eine Hauptdarstellerin auch:
Lillian Gish, Stummfilmstar aus Hollywood. Die habe ich also alle mit im
Gepäck dabei. Und denke, denen würde es hier auch gefallen. Sehr sogar.
Max Reinhardt hat ja in jedem Ort sofort seine Kulissenhaftigkeit erkannt.
Und da wäre er hier in Brünn sicher auch fündig geworden.



05 10
raubtiere

Bin gestern noch unter die Raubtiere geraten. Die streifen nämlich hier auch
durch die Stadt und tun einem nicht den Gefallen stillzustehen wie die Gruppe
Jaguare vor einer Galerie nahe dem
Šilingrovo Náměstí. Den, den ich meine, der
konnte Fersengeld geben, daß kein Hinterherkommen mehr war. Er griff nach
meinem Rucksack, der auf dem Stuhl neben mir lag, während ich über mein
Essen gebeugt am
Náměstí Svobody saß, und rannte die Koližná hinauf. Er
hatte sogar noch Zeit, sich umzudrehen, zu schauen, ob ich nachkomme und
zu grinsen. Denn selbstverständlich schaffte ich es nicht, obwohl ich sofort
aufgesprungen war. Das sind die Situationen, wo man merkt, man ist keine
dreißig mehr. Und er, der junge Kerl, war sich seiner Sache mit einer un-
glaublichen Dreistigkeit sicher, denn das Ganze spielte sich 50 Meter von
der Polizeistation am Platz ab, wahrscheinlich aufgezeichnet von deren
Überwachungskameras.

Das jedenfalls bestätigte der sehr junge Polizeibeamte. Ein junges Pärchen,
das alles beobachtet hatte, begleitet mich dorthin. Sie waren unheimlich
nett und haben sich rührend um mich gekümmert. Er, der junge Mann des
Pärchens, versuchte die ganze Zeit, mit seinem Smartphone mein Tablet
zu orten, das in dem Rucksack gewesen war ... leider erfolglos, ich hab in
der Aufregung meine Registrierungsdaten nicht richtig zusammengebracht.
Der Polizist nahm in aller Ruhe ein Protokoll auf. Das Übliche halt. Namen,
Adresse, Beruf ... ich antwortete "spisovatel", ein Fundstück aus meinem arm-
seligen Wortschatz. Es verursacht aber immer wieder ein erstauntes Auf-
schauen. Es bedeutet nämlich "Schriftsteller". Das junge Pärchen meinte
gleich "nice to meet you. Are you famous?" Der Polizist wollte wissen, was
im Rucksack war. Das Tablet vor allem. Hätte ich sagen sollen, daß darauf
noch eine Menge unsterblicher und selbstverständlich unpublizierter Werke
gespeichert sind? Hätte das seinen Eifer womöglich befeuert? Ob noch
etwas drin war? Ein Buch. Was für ein Buch? Ich schmunzelte und sagte,
weil ich mir sicher war, wieder einen Treffer zu landen: ein Gedichtband
von Ivan Blatný. Nicht die geringste Reaktion bei den dreien. Ich sagte, das
sei einer der größten Lyriker Tschechiens und überdies hier in Brünn ge-
boren. Es wurde mit der  freundlichsten "Macht ja nichts"-Attitüde aufge-
nommen. Der junge Mann des Pärchens fragte mich dann noch, was ich
so schreibe. Ich erzählte es ihm. Und daß darunter ein Stück über Bohumil
 Hrabal sei, das demnächst in Prag aufgeführt werde. Jetzt aber!  Wenig-
stens jetzt mußte doch etwas passieren. Wieder dreifaches müdes Schul-
terzucken. Den Namen Hrabal hätten sie noch nie gehört. Aber dennoch:
Es waren sehr, sehr nette junge Leute. Kann man wirklich nichts sagen.
Wir verabschiedeten uns herzlich. Auch vom Polizisten. Die Chance, mein
Tablet wiederzusehen, taxiere er ... naja, er winkte ab.



06 10
militärparade

Erwin Aschenbrenner, der mir noch in der Nacht gutes Info-Material zu Brünn
schickt - er hat mit seinen "BöhmenReisen" natürlich auch bereits Brünn-
Trips gemacht, wozu es jeweils ein dickes Vorbereitungs-Lesebuch gab -, er
also meint, daß auch er finde, daß es schwierig werden dürfte, ausgerech-
net so etwas wie mein Resl-von-Konnersreuth-Stück in einer Stadt wie
Brünn zu schreiben, die doch als Metropole der Avantgarde gelten kann.
Stimmt! Und auch wieder nicht. Heute nämlich erlebe ich Brünn als das Epi-
zentrum der Nostalgie, als die Mutter aller Erinnerungsschlachten. Im so-
genannten Denis Garden, einem Park, von dem aus man einen wunderbaren
Blick auf den südlichen Teil der Stadt, aber auch die Spielberg-Festung hat,
findet heute ein spektakuläres ... ja, wie sagt man da? Veteranentreffen stimmt
ja nicht, weil sie waren ja selber nicht mehr dabei. Kostümfest? Jedenfalls ein
Aufzug historischer Uniformen statt, die alle aus der Zeit der napoleonischen Krie-
ge stammen. Nicht weit von Brünn fand ja die Schlacht von Austerlitz statt,
sie wurde 2015 von ca. 2000 Laien nachgespielt, vielleicht waren die ja
auch mit dabei. Heute jedenfalls lassen sie es wortwörtlich krachen, schießen
mehrfach Salut und legen Kränze nieder am Obelisken des Parks, auf dem
Kaiser Franz I. namentlich verewigt ist, gepriesen als  der "Befreyer, Wieder-
hersteller, Vater des Vaterlandes". Damit ist gemeint, daß er die napoleo-
nischen Kriege beendete, eher am Verhandlungstisch als auf dem Schlacht-
feld, und das wird vor allem die Brünner damals gefreut haben, man liest
von fürchterlichen Zuständen in der Stadt während der Austerlitzschlacht,
als alle Verwundeten hierher gebracht wurden.

Es ist ein eigenartiges Schauspiel, das Brünn für den heutigen Mittag noch
einmal in die alten Habsburgerzeiten eintunkt. Alle erdenklichen Kronlän-
der - Mährer, Krawoten und Schlesier - marschieren hier noch einmal mit
ihren Abordnungen auf, "treu der Heimat" kann man auf Standarten-
wimpeln lesen und dann zieht man los durch die ganze Stadt, mit Blas-
musik und Trommelwirbel.  Am Freiheitsplatz kommt es zu einer eigen-
artigen Überblendung. Dort findet nämlich gerade das "Sweet-Dreams-
Festival" statt, kleine Verkaufsbuden, eine Bühne für Musiker, ein über-
gebliebener Woodstock-Typ - ich glaube, hier darf man schon noch von
Veteranentreffen reden - schrubbt gerade einen Bob-Dylan-Song auf der
Gitarre. Währenddessen marschiert der 1805er-Zug gerade die 
Rašínova her-
unter und es kommt zu einem bemerkenswerten Akustik-Battle. Die
einen trommeln Marschrhythmen, der andere spielt - was angesichts der
vielen Soldatenuniformen passend erscheint - "Knocking on heavens door".




07 10
skacel brunnen

Ich kehre noch einmal zurück zum Ort des Verbrechens. Ist aber auch einer
der pulsierenden Plätze der Stadt:
der Náměstí Svobody/Freiheitsplatz. Mit
einem sehr schönen Brunnen, um den herum Verszeilen aus einem Gedicht
von Jan Skácel in konzentrischen Metallringen liegen. Ich setze mich wieder
in dasselbe Café wie am Freitag, der Kellner erkennt mich gleich. Er fragt,
was bei der Polizei herausgekommen sei. Wir kommen ins Gespräch.  Auch
er wieder ausgesprochen freundlich und teilnehmend. Ich glaube ihm, wenn
er sagt, daß ihm das Ganze "bad feelings" mache. Allen, denen ich die Ge-
schichte erzählt habe, den Leuten vom Organisationsteam, waren schockiert.
Einen solches Licht wollen sie nicht auf ihre Stadt fallen sehen. Der Kellner, der
ebenfalls alles beobachtet hat, sagt, er habe noch überlegt, ob er dem Dieb
hinterher sprinten solle, aber er hatte schon einen zu großen Vorsprung. Und
auch er beteuert wieder: So etwas passiere hier normalerweise nicht. Ich
schaue mich um: Es liegen ungefähr ein Dutzend Taschen und Rucksäcke
neben ihren Besitzern auf den leeren Nachbarstühlen. Der nette Kellner schaut
mich an und meint, "you know, you are old ...", und das sei wohl der Grund,
warum der Dieb mich ausgesucht habe. Naja, so hätte er es jetzt auch nicht
unbedingt sagen brauchen. Aber er hat ja recht.

In dieser Stadt kann man sich wirklich schnell und leicht alt fühlen. Hier sind
alle so jung. Obwohl: in manchen Parkanlagen oder auch am Krautmarkt
hinter manchem der Gemüse-Verkaufsstände - auch im Supermarkt, in
dem ich täglich einkaufe -, habe ich schon runzeligere Gesichter gesehen.
Und freilich gibt's auch unter den vielen jungen, dynamisch Dahinstreben-
den welche, denen siehst du ihr Gestrandetsein an. Da fällt mir wieder Jan
Skácel ein, den ich wirklich nur jedem ans Herz legen kann.  Eines seiner
Feuilletons heißt: "Kleine Rezension über die Suche nach dem örtlichen
Säufer".  Es beginnt mit dem Satz:  "Es werden euch keine Bücher helfen,
keine Zeitungen, das Fernsehen schon gar nicht, nichts zu machen, wenn
ihr eine fremde Stadt kennenlernen, begreifen und verstehen, wenn ihr
sie kennen wollt, dann müßt ihr euch auf einen langen und kostspieligen
Weg machen und ihn suchen." "Ihn" ist natürlich der örtliche Säufer. Das
sei ein "wissender Mann", jedem Baedeker überlegen, schreibt Skácel, je-
mand, der ein ehrenvolles, gleichzeitig aber schmerzliches Amt auszufül-
len habe, eben das des örtlichen Säufers. Ich hab schon eine Ahnung, wo
in Brünn jene Plätze sein könnten, wo er sich versteckt.



08 10
tuckova

Meine erste Frage an
Kateřina Tučková, nachdem wir uns im Soul Bistro
im ehemaligen Gebäude des Tschechischen Fernsehens in der Jezuitská
niedergesetzt haben, ist die nach dem Ausgang der gestrigen Wahlen zum
Brünner Stadtrat. Kein guter Einstieg. Ihr Gesicht verdüstert sich schlag-
artig. Ob sich was gravierend ändern wird, hake ich nach, weil sie erst
einmal schweigt. Allerdings! Die eher fortschrittlichen, alternativen, kultur-
affinen Parteien, die zum Beispiel das von ihr mitorganisierte Festival
"Meeting Brno" die letzten Jahre unterstützten, haben alle den Sprung ins
Parlament nicht geschafft. Krebsen irgendwo  bei vier Prozent herum.
Katka ist ärgerlich. Wieso habe man sich nicht auf eine gemeinsame Liste
verständigen können, dann wären wenigstens ein paar Abgeordnete drinnen.
Das kommt mir bekannt vor. Daß sich das eher linke Spektrum der Po-
litik gerne mal aller Einflußmöglichkeiten beraubt, weil man schön Sektie-
rertum betreibt und Zusammenarbeit möglichst von vorneherein aus-
schließt. Ich erzähle ihr ein bißchen von der anstehenden Bayernwahl
am nächsten Sonntag und was wohl passieren wird, wenn rein
rechnerisch eine Mehrparteien-Regierung jenseits der CSU möglich wäre.
Dann können wir ja mal die Probe aufs Exempel machen.

Schnell verlassen wir das Feld der Politik wieder. Erzählen uns, an was
wir arbeiten. Katka wird eine von fünf Stipendiat*innen sein, die nach
Leipzig gehen, der November ist ihr Monat. Was sie denn an Arbeit mit-
nehmen wird, frage ich. Die 800 Seiten Erstfassung ihres neuen Romans.
Die gehören überarbeitet und vor allem eingedampft, sagt sie. Was ist
das Thema? Wieder außergewöhnliche Frauenschicksale. Das zieht sich
bei ihr als roter Faden durch. In ihrem ersten Roman, "Die Vertreibung
der Gerta Schnirch" (noch nicht ins Deutsche übersetzt), war es das Schick-
sal einer aus einer deutsch-tschechischen Mischehe stammenden Frau,
die den Brünner Todesmarsch mitmachen mußte, mit einer wenige Monate
alten Tochter in den Armen. Weil sie das Ziel aber, die österreichische Grenze,
nicht erreichte, wurde sie in Südmähren zur Zwangsarbeit gezwungen. Spä-
ter durfte sie zurück nach Brünn, das nun nicht mehr ihre Heimatstadt war.
Ihr zumindest von der Mutterseite herrührender deutscher Biographie-An-
teil sollte nämlich tunlichst verborgen bleiben, wollte man keine Drangsa-
lierungen erleben. Das Ganze fußt auf authentischen Schicksalen, versichert
mir Katka.

In ihrem zweiten Roman, "Das Vermächtnis der Göttinnen", der auch auf
deutsch vorliegt, geht es um "Weise Frauen" und Heilerinnen aus
den Karpaten, die - als Art moderne Hexen verfolgt - unter den Kommu-
nisten Furchtbares zu erleiden hatten. Und auch der neue Roman, so deu-
tet sie mir an, handele wieder von ganz außergewöhnlichen Frauen. Wäh-
rend der Kommunistenherrschaft habe nämlich in Brünn eine Art ka-
tholische Untergrundkirche gewirkt, in der es - aus Mangel an geweihten
männlichen Priesten - auch Frauen gegeben habe, die das Priesteramt
ausgeführt hätten, offenbar geduldet von der Amtskirche. Hatte man
auf diese Art und Weise doch zumindest einen Stachel im Fleisch der roten
Atheisten stecken. Nach der Wende wurden diese Frauen von der Kirche
nicht mehr anerkannt. Katka hat für diese Arbeit wieder viel in Archiven
recherchiert, auch in denen der Geheimpolizei. Die einzigen, die ihr kei-
nen Einblick in ihre Akten gewährten, waren die Kirchengewaltigen.

Wie es da paßt, daß ich ihr von meinem Resl-von-Konnersreuth-Pro-
jekt erzählen kann. Sie horcht sichtlich auf. Das wäre ein Stoff auch
ganz nach ihren Interessen, habe ich den Eindruck. Jedenfalls fragt
sie intensiv nach. Wir stellen fest, daß uns anscheinend ähnliche The-
menfelder inspirieren. Und uns ein ähnliches Interesse anspornt, nämlich
eines, das gar nicht in erster Linie religiös oder gar irgendwie esoterisch
motiviert ist, sondern rein davon aufzuzeigen, wie in ganz bestimmten
historischen Situationen Menschen sich verhalten, welche Ideologien,
Glaubensgrundsätze und Weltbilder sie dabei antreiben. - Wir verabreden
uns für ein zweites Gespräch gegen Ende meiner Zeit hier in Brünn. Möch-
te ja noch ein Interview mit ihr aufnehmen, vielleicht läßt sich über die-
sen Brünn-Aufenthalt etwas für den BR machen. Jetzt  muß Katka erst
einmal nach Prag, denn sie, die gebürtige Brünnerin, lebt schon seit ein
paar Jahren an der Moldau und nicht mehr in Mähren. Sollte sie fragen,
warum.



09 10
aktivplastik

Gestern zeigte mir Katka noch auf dem Stadtplan, wo Ivan Blatný geboren
und aufgewachsen ist. Nämlich quasi gleich ums Eck von meiner Wohnung.
Ich müsse nur links die Gorkého hinuntergehen, bis zum ehemaligen Ge-
treidemarkt, Obilní trh. Dort gebe es auch schöne Bierkneipen, mehr so Typ
Intellektuellentreff, weil in den Straßenzügen dort seien auch viele Uni-Ge-
bäude zu finden. Sie jedenfalls habe viel Zeit dort während ihres Studiums
verbracht.

An der Einmündung zur Gorkého hängt eine Boa constrictor über den Geh-
steig (siehe Foto). Jedenfalls hätte das Vladimír Boudník , Bohumil Hrabals
verrückte Künstler- und Graphiker-Freund, sicher so gesehen. Wer mehr zu
ihm wissen will, sollte Hrabals "Sanfte Barbaren" lesen, eine seiner bewegend-
sten tragikomischen Erzählungen. Dieser Boudík war irgendwie vom selben
Geiste wie Blatný. Mir "normalen" Maßstäben gemessen, müßte man sagen:
des selben verwirrten Geistes.  Man könnte aber auch sagen: des überspru-
delnd kreativen Geistes. Blatný hat sich ja tatsächlich hinter die Mauern
wechselnder Irrenanstalten zurückgezogen. Und zwar in England. Dorthin
war er 1948 mit einer Schriftstellerdelegation gelangt, von der er sich absetzte,
um nicht mehr zurück in die immer mehr in den Griff der kommunistischen
Partei geratende Tschechoslowakei zu müssen. In England glaubte er sich
schließlich von der Geheimpolizei verfolgt. Als einzig sicherer Zufluchtsort
erschien ihm das Irrenhaus.

Als junger Mann und in seiner Brünner Heimat war er ein hoffnungsvoll auf-
strebender Lyriker gewesen. In seinem eher noch konventionell anmutenden
Frühwerk kommen immer wieder die Brünner Straßen und Viertel vor, in
viel Herbstnebel und Nieselregen getaucht. Später, in der Anstalt, veränderte
sich sein Schreiben. Es wurde zu einer Art "ecriture automatique", er schrieb
einfach alles auf, was ihm durch den Kopf schoß, scheinbar zusammen-
hangslos, wild auch zwischen den Sprachen Tschechisch, Englisch und Deutsch
hin- und herspringende. Tausende von Zetteln kritzelte er auf diese Art und
Weise voll, die er in seine ausgebeulten Hosen- und Jackentaschen zusam-
men mit Zigaretten und Schokolade stopfte. Jahrelang entsorgten die Wärter
das Zeug in den Müll. Bis eine Krankenschwester auftauchte, den Wert
dieser Notate erkannte, sie aufhob, sammelte und schließlich dem tschechi-
schen Exilverlag "68 publishers" im kanadischen Toronto schickte. Anfang
der 1950er Jahre war Blatný in der Tschechoslowakei für tot erklärt worden,
so gut hatte sein Versteck ihn verborgen. Bald war es, als hätte er nie existiert.
Nach der Wende entdeckte man auch in Tschechien sein Werk, heute gilt er
als einer der bedeutendsten Lyriker des 20. Jahrhunderts.

Kateřina Tučková hat mich darauf aufmerksam gemacht, es gebe einen Mann
in der Stadt, der wisse alles über Blatný. Er habe ihn noch vor seinem Tod in
England im Irrenhaus besucht und einen 600seitigen Roman über ihn geschrie-
ben. Sein Name ist Martin Reiner. Er hat für den Brünner Stadtrat kandidiert,
erreichte aber nicht ausreichend Stimmen, um ins Parlament einzuziehen.
Jetzt müsse er eigentlich wieder Zeit haben, um sich eventuell mit mir zu tref-
fen, meint Katka.




10 10
marecek

Ich glaube, es gibt kein Haus in der Stadt, von dem Dr. Zeněk Mareček nicht
wie aus der Pistole geschossen zu sagen wüßte, welcher Architekt es gebaut,
welche berühmte Persönlichkeit darin gewohnt  und welche weitere Zelebri-
tät in welchem Jahr zu welcher Stunde daran vorbeigegangen ist. Ich über-
treibe. Aber nur unwesentlich. Dieser Mann ist ein wandelndes Lexikon, dem
mein grenzenloses Staunen gehört. Es sind zwar "nur" ein paar wenige Straßen-
züge rund um die Masaryk-Universität, die ich mit ihm mitwandeln darf, wir sind
knappe zwei Stunden unterwegs, aber was sich allein da an Geschichten, Querbe-
zügen, Echolotungen in die Vergangenheit ergibt, ist für mich atemberaubend.
So weiß ich nun zum Beispiel, daß meine schon zur Routine gewordene Morgen-
übung, nämlich nach dem Aufstehen als erstes einen Blick auf den Park zu Füßen
meiner Dachwohnung zu werfen, wohl von Robert Musil geteilt wurde, "er
wohnte da drüben", sagt Dr. 
Mareček und zeigt auf die gegenüberliegende Hof-
seite, "bei seinen Eltern, während er an der technsichen Universität studierte.
Ein paar Häuser von früher stehen zwar nicht mehr, aber der Park ist noch immer
derselbe. Musil sah dieselben Bäume wie Sie."

Und so geht das in einer Tour weiter. Gleich schräg gegenüber vom Haus, in dem
Musils Eltern lebten, wohnte Karel Čapek als junger Mann. Dort, wo Ivan Blatný
Tag für Tag auf den Getreidemarkt hinaussah, ist natürlich auch eine Gedenktafel
angebracht, ich wußte gestern nur noch nichts davon und habe sie deshalb nicht
gefunden. Was alleine über den Campus der Universität wiederzugeben wäre ...
am besten hat mir das Detail gefallen, daß das schöne alte Gebäude, das neben
der neuen Bibliothek und anderen Bauteilen steht, einst ein Waisenhaus war
und jetzt die Philosophische Fakultät beherbergt. Genau! Die Philosophen gehö-
ren ins Waisenhaus und die Dichter in die Irrenanstalt. Anschließend ist auf der Welt
wieder schön aufgeräumt.

Zusammengekommen bin ich mit Herrn Dr. 
Mareček, weil er mich zu einer Lesung
vor seinen Deutschstudenten eingeladen hat. Anschließend sind wir noch zum Essen
gegangen, angeschlossen hat sich uns Dr. Magdalena Havlová, 
ebenfalls Dozentin
am Germanistischen Lehrstuhl , und zwar für Dolmetschen und Übersetzungen, sie
selber arbeitet auch auf diesem Gebiet.  Da ging es dann im munteren Hopping über
die Themeninseln Politik, Literatur, Geschichte der Deutschen in Brünn, dem Wandel
bei unseren Vertriebenenverbänden und noch manches mehr. Das muß ich erst ein-
mal alles sacken lassen. Und auf manches davon, habe ich der schweren Verdacht,
werde ich noch das ein und andere Mal zurückkommen. Es sind ja noch 21 Tage,
sprich drei Wochen auch hier in diesem Blog zu bestreiten.



11 10
krautmarkt

Ich habe die zuverläßlichste Methode herausgefunden, wie man mit den Leuten hier
schnell und unkompliziert ins Gespräch kommt. Meist werde ich direkt in Tschechisch
angesprochen, anscheinend sieht man mir mein Von-weit-Herkommen nicht gleich an.
Ich habe mir für diesen Fall eine kurze Entgegnung zurechtgelegt. Sie lautet: "Nemluvim

česky". Ich spreche kein Tschechisch. Damit ist der Fall geritzt. Nun ergießt sich näm-
lich erst recht ein Redeschwall meines Gesprächspartners über mich ... natürlich in
Tschechisch. Das  finde ich nett, daß man mich anscheinend nur für bescheiden hält,
nicht aber für beschränkt. Gut, er sagt, daß er kein Tschechisch spricht, aber das wollen
wir mal nicht so ernst nehmen. Oder sie machen einen feinen Unterschied. Gut, er sagt,
er spricht kein Tschechisch, aber verstehen wird er es wohl. Wahrscheinlich habe ich auch,
Näheres nicht bedenkend, in den Erklärungsredefluß, der mir entgegenkommt, ab und zu
ein "ano" einfließen zu lassen ... "ja". Noch wirkungsvoller ist "rozumim": "ich verstehe".
Dann hören die anderen gar nicht mehr auf. Jedenfalls, man kann auf diese Art und
Weise ganz nette Unterhaltungen führen und irgendwie kriegt man dabei schon heraus,
um was es geht.

So neulich im Supermarkt. Ich steure im Eingangsbereich auf den Automaten zu, den
man am besten mit Flaschenleergut füttert. Ich sehe schon von weitem: Er hat seine
Vordertür aufgeklappt und zeigt seine mechanischen und elektronischen Innereien her.
Ein etwas nachlässig gekleideter älterer Herr mit Stoppelbart sagt etwas zu mir. Ich
antworte: "Nemluvim
česky". Ha, da komme ich gerade an den Rechten. Nun fängt
er erst richtig an, mich aufzuklären. Ich verstehe etwas von "minuty", recht viel mehr
aber auch nicht und kann mir trotzdem zusammenreimen: Der Apparat ist kurzzeitig
außer Betrieb. Es dauert aber nicht lange. In ein paar Minuten geht er wieder. Am
Ende, weil ich mich gelehrig zeige (mehrfaches devotes "ano, ano"), lächelt er sogar.
Und war am Anfang noch sooo grimmig.

Ich hielt ihn ja für so etwas wie einen gelangweilten Rentner, der im Eingangsbereich
des Supermarktes eigenmächtig nach dem Rechten und der Ordnung sieht. Ich be-
merkte, daß er Einkaufskörbe einsammelte und zu Stapeln aufschlichtete. Als ich
ihn dann mal mit einer Kassiererin reden sah, wuchs in mir der Verdacht, er könnte
vielleicht der Filialleiter sein. Oder gar der Besitzer. Mittlerweile kennen wir uns
schon und grüßen uns. Selbstverständlich in fließendem Tschechisch.



12 10
krokodile

Warum, zum Henker, hängt vom Gewölbe der Torhalle unter dem alten Brün-
ner Rathausturm ein Krokodil  von der Decke? Irgendwie haben es die Tsche-
chen mit den exotischen Tieren. Pilsen führt ein Kamel im Wappen. Ob es
das Fernweh dieses kleinen Volkes in seinem kleinen Land ist, das es auf solche
Ideen kommen läßt? Sie sagen ja auch laufend zur Begrüßung und Verabschiedung
"Ahoj", ganz so als wollten sie sich damit selber einreden, sie besäßen eine
maritime Flotte und seien in Wahrheit allesamt Seefahrer. Hallo, ich tu's ja nicht
gerne, aber ich muß euch erinnern: Böhmen liegt gar nicht am Meer. Jetzt
werdet ihr behaupten: Aber mindestens  im Mississippi- oder meinetwegen
auch im Nil-Delta, woher käme sonst bittä-scheen das Krokodil im Brünner
Rathaus.

Vom ungarischen König Matthias II. Der hat das ausgestopfte Tier den Brünner
nämlich 1608 zum Geschenk gemacht. Wohl um die mährischen Stände sich
gewogen zu machen und auf seine Seite zu ziehen. Er lag nämlich im Clinch mit
seinem Bruder Rudolf II. , der als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deut-
scher Nation seinen Hofstaat in Wien zusammengepackt hatte, nach Prag um-
gezogen war und sich seither auf dem Hradschin verbarrikadierte.  Dort oben
pflegte er am liebsten bloß noch Umgang mit Astrologen und Alchemisten wie
Tycho Brahe und John Dee, mit Künstlern wie Arcimboldo und Gottsuchern wie
Rabbi Löw. Feldherren und Fürstenberater konnten ihm gestohlen bleiben. Mit
dem Endergebnis: Bruder Matthias marschierte einfach mit Reitern und Lands-
knechten in Prag ein, setzte seinen Bruder ab und machte sich selber zum Kai-
ser. Und damit höre ich auch schon auf mit dem kleinen historischen Exkurs. Er
ist mir nur deshalb gerade so präsent und nah, weil der narrische Kaiser auf
dem Prager Hradschin in meinem nächsten Roman keine unwesentliche Rolle
spielen wird.

Gut, das sind alles alte Geschichte. Man könnte aber auch sagen: Das Krokodil
hängt im Brünner Rathaus, weil es absolut keinen Grund gíbt, es abzuhängen,
die Kommunalpolitik ähnelt nämlich noch immer einem einzigen Bestienpfuhl.
Zu dem Eindruck gelangte ich vorgestern bei meinem Mittagsgespräch mit Frau
Halová und Herrn Dr. Mareček. Vor allem die Übersetzerin geriet sichtlich in
Rage und stieß einige gar nicht freundliche Charakterisierungen der Brünner aus.
Gemeint hat sie aber eigentlich vor allem die Lokalpolitiker. Die, ihrer Erzählung
nach, leisteten sich aber auch wirklich ein ziemliches Schurkenstück. Da gibt es
den bis vor kurzem noch amtierenden Bürgermeister Petr Vokřál. Der sei zwar
von der ihr gar nicht sympathischen "Oligarchen-Partei" Ano, aber als Bürger-
meister sei er durchaus in Ordnung gewesen. Zwar habe seine Partei jetzt bei
der Wahl ordentlich verloren, stärkste Fraktion sei sie aber geblieben. Und
hätte mit der zweitstärksten Partei, der ODS, eigentlich eine Koalition machen
wollen. Die Pressekonferenz, auf der das gemeinsam bekannt gegeben werden
sollte, war für den vergangenen Donnerstag angesetzt gewesen.

Donnerstag früh, so Frau Havlová, soll nun der gute Herr
Vokřál wahrscheinlich
vom Morgen-Fernsehen, ohne einen Funken Ahnung davon gehabt zu haben,
darüber informiert worden sein, daß die Spitzenkandidatin von ODS heimlich
eine Koalition aus ihrer eigenen Partei, der christdemokratischen
KDU-ČSL, der
sozialdemokratischen
ČSSD sowie den Piraten geschmiedet und sich ganz einfach
selber auf den Primatorsessel plaziert habe. Markéta 
Vaňková  wird die neue Erste
Bürgermeisterin von Brünn sein, und ist, wenn man Frau Havlová glaubt (die
von sich sagt, sie sei eine unbedingte Feministin), eh bloß eine Marionette
der männlichen Strippenzieher dieser plötzlich aufgetauchten Viererkoalition. - Wa-
rum nur, noch mal zum Henker, fällt mir jetzt der Name Ilse Aigner ein und drän-
gen sich mir dauernd Parallelen zur übermorgen stattfindenden Bayernwahl auf?



13 10
kasematten

Die Kasematten der "Vöstung Spilberg" - so die Schreibung in alten Dokumen-
ten - sind eines der touristischen Highlights der Stadt. In den weitläufigen, sich
auf zwei Stockwerken erstreckenden Gewölbegängen kann man sich so herr-
lich gruseln, zumal wenn man auf "Installationen" trifft wie eine nachgestellte
Folterkammer, in der auf einer Streckleiter einer menschlichen Puppe gerade
die Schultergelenke ausgekugelt werden. Wenigstens das Info-Blatt, das man
auf Wunsch auch in deutscher Sprache ausgehändigt bekommt, bleibt bei
Wahr- und Nüchternheit: In den Kasematten wurde überhaupt nie gefoltert und
auch sonst ist manches stark übertrieben. "Die Gerüchte des Ankettens der
Häftlinge an das 'Rattenloch' sind ein ausgesprochenes Hirngespinst aus spä-
terer Zeit", liest man zum Beispiel in dem Faltbaltt.

Wahr allerdings ist, daß unter Kaiser Joseph II. die ursprünglich als militärische
Depots errichteten Gewölbe zum Gefängnis für Schwerstverbrecher umfunk-
tioniert wurden. Schon wieder nicht mehr wahr, muß ich mich belehren lassen,
ist, daß Franz Freiherr von der Trenck auch in einem solchen tageslichtlosen Rat-
tenloch festgehalten wurde, wo es lange, grob gezimmerte Holzpritschen gab,
die für mehr als 20 Mann als Nachtlager dienen mußten. Trenck war in einem
ebenerdigen Gefängnisgebäude im Hinteren Graben inhaftiert, längst wurde es
abgerissen und man erkennt nur mehr die Grundrisse. Er hatte hier genügend
Platz, sogar einen Bediensteten, bekam täglich einen Dukaten ausgezahlt und
speiste zusammen mit dem Festungskommandanten. Eigenartig muß uns
heute das alles vorkommen. Diese seltsamen Ehrenkodizes. Der Mann war ur-
sprünglich zum Tode verurteilt worden, weil er sich - selbst für die völlig anderen
Maßstäbe der damaligen Zeit - man könnte sagen als Kriegsverbrecher aufgeführt
hat, mit großer Grausamkeit gerade gegen die Zivilbevölkerung. Alle militärischen
Dienstgrade wurden ihm aberkannt und eigentlich hätte er füsiliert werden sollen.
Doch Kaiserin Maria Theresia begnadigte ihn zu dieser Spielberger Festungshaft
mit den gerade eben genannten Annehmlichkeiten. Seine militärischen Taten
zu ihren Gunsten im Spanischen Erbfolgekrieg dankte sie ihm halt doch ... zivile
Opfer hin oder her.

Und so führte dieser Freiherr das Leben eines frühen Karadžić oder General Mladi
ć,
nur eben nicht vor einem Den Haager Völkergericht, sondern in seinem recht
kommoden Brünner Arrest. Auch sein Vermögen blieb unangestastet und wurde
ihm nicht etwa  abgenommen. Er konnte daraus, weil ihn dann anscheinend doch
irgendwelche Skrupel plagten, die Stadt Cham, die er Jahre zuvor noch gebrand-
schatzt hatte, ebenso großzügig bedenken wie die Kapuziner-Mönche, unten in
der Brünner Altstadt. Schließlich wollte er dort einmal beigesetzt werden und
dann sollten ihm bittschön auch Seelenmessen gelesen werden. Genauso ist es
dann auch gekommen, und die Mumie des Freiherrn liegt noch immer in der Ka-
puzinergruft, aufgebahrt unter einem gläsernen Schrein. Auch dort werde ich wohl
die kommenden Tage noch einmal vorbeischauen müssen.



14 10
speisekarte

Heute ist es also so weit: Wahl in Bayern. Ich muß sagen, ich fiebere schon
sehr mit. Und die Tschechen zeigen offensichtlich auch Anteilnahme, denn
hat doch nicht "meine" Kneipe, die "Pivnice u Čapa", wo ich jetzt schon ein
paar Mal mein Abendbier getrunken habe, sie liegt nur eine Straßenecke von
meiner Wohnung entfernt, ausgerechnet jetzt "bayerische Wochen" auf
dem Programm. Sogar Wollwürschte gibt es, in welcher bayerischen Wirt-
sschaft findet man die noch auf der Speisekarte? Doch mein Blick wandert
weiter noch unten. Und was muß ich da sehen: "Königsberger Klopse".
Ich glaub, mein Spanferkel pfeift. KÖNIGSBERGER KLOPSE als besondere
bayerische Spezialität. Wer hat den Tschechen denn diese Blödsinn ver-
zapft?

Wahrscheinlich dieselben, die jetzt die ganze bayerische Wahl vermasseln.
Edmund Stoiber hatte eben doch recht, als er die letzten Tage noch auf
die wahre Mutter aller Probleme hinwies ... wir wissen doch, es ist die Migra-
tion. Weil eben so viele Preiß'n nach Bayern gezogen sind und die über-
haupt keinen blassen Schimmer haben, was CSU in Bayern bedeutet, des-
halb wird es mit dieser Partei nun endgültig bergab gehen. Und das sind
wahrscheinlich dieselben Leute, denen es gelungen ist, Dinge wie "Königs-
berger Klopse" und Labskaus auf den bayerischen Speisezettel einsickern
zu lassen. Oh, heiliger Franz-Josef hilf!

Eine Obergrenze für Preiß'n-Zuzug, das hätte der Horst einmal fordern
sollen. Damit diese Herrschaft der unrechten Geschmacksverirrung ein
Ende hat. Und Ankerzentren sollte man lieber in Aschaffenburg errichten,
in denen alle Einwanderungswilligen solange festgehalten werden, bis
sie im Schlaf sämtliche Paretivorsitzenden und Ministerpräsidenten der
CSU herunterleiern können und auch bei Androhung von Waterboarding
nicht mehr von ihrer Grundüberzeugung abzubringen sind, einzig und
allein bis ans Ende ihrer Tage CSU wählen zu wollen. Sakradi, muß man sich da
aber auch aufregen, selbst im schönen Brünn. Darauf jetzt eine Schweins-
hax'n im "U
Čapa" und mindestens drei Halbe Bier. Leider kein Augustiner,
man kann nicht alles haben.



15 10
krypta

He Tod, warum hast du so ein schiefes Maul? - Damit ich dich besser an-
grinsen kann. Du gehörst nämlich mir. - Ah geh. - Jaa, schau dich doch mal
um. Mir gehören alle. Da wird keiner übersehen und vergessen. Ja, und
so hab ich mich halt dann umgesehen, in der Krypta unter der Jakobskirche.
Und ich muß sagen: Der Tod hat recht. Die Gebeine von geschätzt
50.000 Brünnerinnen und Brünnern, Frauen, Männern und Kindern, liegen
dort aufgestapelt, und zwar fugenlos aufgestapelt, zu beklommen ma-
chenden Wänden einer finsteren Nekropole. Besonders ein Raum des
Gängelabyrinths läßt einen schaudern. Er ist wie eine Art kleine Kapelle,
dort steht auch ein Lesestehpult und die Mitte des Raumes wird domi-
niert von einer mächtigen Säule, es bräuchte wohl drei Menschen, um
sie mit den Armen zu umgreifen. Sie ist zusammengesetzt aus lauter
menschlichen Knochen, nebeneinander aufgereihte Totenschädel bilden
eine Art umlaufende Friesbänder. Die Wände ringsum auch nur gesta-
pelte Knochen. - Das Brünner Beinhaus ist übrigens das zweitgrößte in
ganz Europa nach den Pariser Katakomben.

Ja, in Brünn da haben sie auf alle Fälle schon auch was verstanden von
den Inszenierungen eines barocken Katholizismus. Da wurden Tod und
Teufel, Engel und Himmelfahrt auf die Bühne eines bildmächtigen theatrum
mundi gestellt, daß es nur so eine Schaulust, aber auch ein Schau-
Schaudern hat. Insofern: Hier paßt mein mitgenommenes Arbeits- und
Schreibthema "Resl von Konnersreuth"  durchaus gut her, und die
Seiten füllen sich ja auch und ich komme absehbar dem Ende immer
näher. Die letzten Tage erst habe ich Max Reinhardt in meinem Stück
darüber räsonnieren lassen, daß genaugenommen Theater und katho-
lische Kirche nicht nur viel miteinander zu tun haben, sondern in eins 
gesetzt werden können. Ja, es gibt ja sogar eine Rede von Reinhardt,
in der er sein Verständnis von Schauspiel und Schauspielern darlegt,
und ohne den Namen explizit zu nennen, preist er Therese Neumann
als jemanden, den sich Schauspieler zum Vorbild nehmen sollten, konn-
te sie doch allein mittels ihre Imaginationskräfte eine Realität wie die
der aufbrechenden Stigmata hervorbringen. So jedenfalls seine Erklä-
rung des Phänomens.



16 10
trambahn

Brünn hat knapp 400.000 Einwohner ... und keine U-Bahn. Sondern
nur ihre Straßenbahnlinien und - so macht es den Eindruck - fast aus-
schließlich elektrische Oberleitungsbuse (was nicht ganz stimmt). Von
daher schon mal, möchte man meinen, wenig Probleme mit der bei
uns so heiß diskutierten Diesel-Problematik. Auch kleinere Müllautos
sah ich, die die Abfallkörbe leerten, die fuhren elektrisch. Und tatsächlich:
An der Luft läßt sich merklich feststellen, es fehlt der typische Diesel-
gestank. Allerdings auch auffällig sind die vielen protzigen SUVs, an-
scheinend das momentan angesagteste Statussymbol der Tschechen.
Und natürlich parken sie damit regelmäßig die Gehwege voll. Zwar
hört man den ganzen Tag über fast ununterbrochen die von ameri-
kanischen Streifenwagen her bekannten Sirenentöne - auf- und ab-
steigender Ton -, aber die Cops verfolgen anscheinend andere Verbre-
chen. Neulich hielt übrigens eine solche mit Blaulicht heranrasende
Polizeistreife direkt vor meinen Fußspitzen - ich saß bei der
"Pivnice u
Čapa" auf dem Gehsteig und trank mein Feierabendbier. Da dachte
ich schon, die bringen mir mein geklautes Tablet zurück ... aber da
habe ich mich leider getäuscht.

Aber zurück zu den Straßenbahnen. Man hat den Eindruck, ganz
Brünn fährt mit denen. Im gefühlten 5-Minuten-Takt rauschen die
Wagen der einzelnen Linien heran. Beziehungsweise quietschen
heran. Das Reiben der Metallräder auf den Eisenschienen ist schon
manchmal  von Zahnplomben ziehender Qualität. Nostalgiker
schreiben, das sei eben der besondere Sound, quasi die Erkennungs-
melodie, der Stadt Brünn. Tatsächlich liegt er Tag und Nacht als
Klangteppich über der Stadt. Die einzelnen Waggons zeigen sämt-
liche Typen der Bauarten und Jahrgänge. Da gibt es ganz alte,
rumpelige und modern dahin surrende. Manche sind außen voller
Werbung, andere zeigen ihre alte Patina. Und an besonderen Ta-
gen - ich schrieb weiter oben von dem Nostalgikertreffen der
1805er Bataillonen - holt man sogar die Oldtimer aus dem Depot,
siehe vorangestelltes Foto.



17 10
martinreiner

Šalina sagen übrigens die Brünner zu ihrer Straßenbahn ... auszusprechen
"Schalina". Es klingt das deutsche Wort "Schtraßenbahn" an.
Šalina ist ein
typisches Beispiel für den Hantec, eine Art Brünner Dialekt, der früher in
der Stadt gesprochen wurde, heute allenfalls noch von ein paar älteren
Leutchen. Im Hantec mischen sich mährisch eingefärbtes Tschchisch,
(Habsburger-)Deutsch und Jiddisch. "kšeft" für "Geschäft, "tauzna" für den
1000-Kronen-Schein oder "cetl" für Quittung wären weitere Beispiele.
Heutzutage ist der Hantec nahezu ausgestorben. Die Träger und Bereiche-
rer dieser Sprache fehlen, die Deutschen und die Juden. Ein paar junge
Leute finden diesen untergegangenen Dialekt cool. So gebe es beispiels-
weise eine junge Punk-Musikerin, erfahre ich, die Texte mit Hantec-
Einsprengseln singe.

Der Dichter Ivan Blatný, von dem hier schon mehrfach die Rede war, hat
von seinem Großvater unter Garantie dieses Hantec gehört. Meint Martin
Reiner. Heute Mittag habe ich ihn getroffen, vermittelt hat das Ganze Di-
rektor Kubíček von der Mährischen Landesbibliothek, der ein alter Freund
von Reiner ist. Und so sitzen wir jetzt im "Restaurace Jakoby", gleich ge-
genüber der Jakobskirche und fachsimpeln darüber, was das alles für die
Lyrik des Dichters Blatný bedeutet. Als deren besonderes Stilmerkmal
wird nämlich von überraschten Literaturkritikern - auch beim erst kürz-
lich erschienenen Band "Hilfsschule Bixley" wieder - hervorgehoben, der
Dichter habe da etwas ganz Besonderes gemacht, nämlich oft zwei, drei
Sprachen - Tschechisch, Englisch, Deutsch - innerhalb eines Gedichtes
gemixt. Von einer Zeile zur nächsten.

Gar nichts Besonderes! Zumindest für jemand, der in Brünn aufgewach-
sen ist und Hantec gehört hat. So wie Ivan Blatný. Mittlerweile habe ich
auch das Haus ausfindig gemacht
, wo Blatný aufgewachsen ist, gleich
ums Eck von mir am Rande des Getreidemarktes steht es. Eine Gedenk-
tafel macht darauf aufmerksam. Auch auf ihr ist der Sprachenmischmasch
eines seiner Gedichte abgebildet.

blatnytafel

Es war Mitte der 80er Jahre, erzählt mir Martin Reiner, daß er zum ersten
Mal den Namen Ivan Blatný gehört habe. Er hielt eine Lesung eigener Ge-
dichte und anschließend habe jemand gesagt, diese Texte erinnerten ihn
an Ivan Blatný. Das muß einer jener älteren Brünner gewesen sein, der
sich noch an den Sohn des Optikers Blatný vom Kornmarkt erinnerte. Der
Dichter war, wie bereits einmal erwähnt, zu dieser Zeit quasi eine inexisten-
te Person. Reiner fing an, Nachforschungen über diesen Verschollenen
anzustellen. 20 Jahre lang bereitete er seinen Roman "Básník" vor, "Der
Dichter". Man kann also, glaube ich, hier davon sprechen, daß da jemand
sein Lebensthema gefunden hat. Wir verabreden uns zu einem weiteren
Treffen. Dann werde ich mein Aufnahmegerät dabei haben und genauer
nachfragen.



18 10
judenfriedhof

Da liegen sie einträchtig beieinander, der Herr Berthold Deutsch mit
seiner Gattin Sofie, die Karoline und der Filip Deutsch, aber auch der
Siegmund und die Betti Czech. Czech und Deutsch, ich weiß nicht, ob
die in Brünn immer so friedlich koexistiert haben, hier jedenfalls tun sie
es. Weil die, die auf diesem Friedhof liegen, die eint noch etwas anderes: 
Sie waren alle miteinander Juden. Das muß zwar jetzt auch nicht unbe-
dingt bedeuten, daß deswegen keine Animositäten, Rivalitäten, auch
Feindschaften untereinander vorgekommen sind - man schaue sich nur
die Hahnenkämpfe beispielsweise unter Wiener Kaffeehausliteraten an, 
nicht wenige von ihnen jüdischer Herkunft -, aber es bleibt nun mal die
singuläre Tatsache, daß jedes einzelne Mitglied dieses Kollektivs vom
Vernichtungsurteil der Nazis betroffen war. Es stand ihnen alle dasselbe
Schicksal bevor, das sie auf grausamste Weise einte. Es gibt genügend
Selbstzeugnisse von Shoa-Überlebenden, in denen sie sagen, erst
Hitler und die Nazis hätten ihnen bewußt gemacht, daß sie Juden seien.

Vor dem Krieg waren das in Brünn etwas über 11.000 Personen. Von
ihnen überlebten knappe 700 die Shoa. Die Anfänge eines Gemeinde-
lebens nach dem Krieg waren alles andere als einfach. Als die Kommu-
nisten 1948 das Ruder in der
ČSSR übernahmen, gingen von den weni-
gen Überlebenden etliche nach Palästina. Und noch einmal 1968, nach
der Niederschlagung des Prager Frühlings. Erst das Jahr 1989 brachte
auch hier eine sachte Wende. Noch 1985 hatte man eine Synagoge
im Stadtteil Zábrdovice abgerissen. Es blieb nur mehr die Synagoge in
der Sko
řepka in Bahnhofsnähe. Die wurde kurioserweise noch in den
Jahren 1934 bis '36 gebaut, in dem für die Stadt so prägenden Bau-
stil des Funktionalismus. Ich hab sie mir angeschaut. Lag am Weg
hinaus zum Friedhof. Weil den wollte ich unbedingt auch sehen.

Bin deshalb mit der Tram-Linie 10  hinaus in den Stadtteil
Židenice
gefahren, weil dort draußen erwarb die jüdische Gemeinde Mitte
des 19. Jahrhunderts ein Areal für den "neuen" Friedhof. Die Fahrt
dorthin zeigt mir ein anderes Brünn, als ich es bisher kennengelernt
habe. Auch habe ich den Eindruck, daß in der ruckelnden "
Šalina"
kaum noch Fremde oder gar Touristen mitfahren. Es geht an Fabriken
vorbei und eher tristen Wohngegenden. Ich steig versehentlich zwei
Stationen zu früh aus und gehe ein Stück. Durch Unterführungen
und an leeren Blechgaragen vorbei. Dann der keineswegs kleine Fried-
hof. Komplett umfaßt mit einer zweieinhalb bis drei Meter hohen
Ziegelmauer. Ein kamera-überwachtes Infobüro dient quasi als
Einlaßschleuse. Man kommt nur so hinein.

Mein erster Eindruck drinnen: Die Mitglieder der jüdischen Gemeinde
Brünn scheinen doch alles recht tüchtige und erfolgreiche Gewerbe-
treibende gewesen zu sein. Es gibt fast nur hoch aufragende Grab-
steine. Manche haben  sich richtige kleine Mausoleen bauen lassen.
Ehrlich gesagt habe ich einen solchen jüdischen Friedhof noch nir-
gendwo gesehen. Am ehesten vergleichbar: der wohlgemerkt neue
jüdische Friedhof in Prag, auf dem auch Franz Kafka liegt. Hier wie
dort die Gräber einer erfolgreichen jüdischen Stadtgemeinde, Händler,
Ärzte, Rechtsanwälte, Wissenschaftler, Architekten. Ich schlendere
lange durch die Grabreihen. Finde so manche kleine Kuriosität.
Einen Grabstein zum Beispiel, auf dem steht, hier sei eine Frau
begraben mit - und jetzt obacht - dem Namen "Rosalie Geduldig,
geborene Aufrichtig". Kann es das wirklich geben, daß jemand sol-
che Namen trägt oder ist das eine besonders charmante Form des
Gedenkens an eine Verstorbene?



19 10
debattierclub

Ach, war das eine Freude gestern! Ich muß allerdings auch zugeben:
Vor dem Hintergrund dessen, daß das Gespräch vergangene Woche
im Anschluß an meine kleine Lesung vor ein paar Studierenden des
Germanistischen Lehrstuhls der Masaryk-Universität so gar nicht
recht in Gang kommen wollte, war das gestern ein Highlight. Ich war
eingeladen, am "Deutschen Debattierclub" teilzunehmen, eine Art
lockerer Konversationsnachmittag mit jungen Deutschstudierenden,
stattgefunden hat das Ganze im Brünner Begegnungszentrum. Das
war mir noch ein Begriff von einem meiner früheren Brünn-Besuche
her, als wir auf den Spuren Oskar Maria Grafs hier unterwegs waren.
Für unseren bayerischen Klassiker war Brünn auf seiner Flucht vor
Hitler  die erste längere Exilstation
nach Wien. Wir trafen damals die
legendäre Dora Müller, die Graf noch persönlich kennengelernt hatte.
Auch sie empfing uns im "Brünner Begegnungszentrum" und stellte
uns das Ganze als eine Einrichtung der deutschen Minderheit Brünns
vor. Sie selber, da  aus einer deutsch-tschechischen Mischehe stam-
mend, gehörte zu jenem kleinen Personenkreis, der von der Vertrei-
bung nicht betroffen war und all die Jahre in Brünn weitergelebt
hatte - nicht immer unter einfachen Umständen. Aber das alles ist
eine andere Geschichte, die vielleicht später noch drankommt. Ich
darf nicht vergessen, daß auf meiner To-do-Liste noch steht: Nach-
schauen, ob das Wohnhaus in der Muchová noch steht, in dem Graf
vier Jahre lang gelebt hat. Übrigens nach eigener Aussage von ihm
mit die glücklichste Zeit seines Lebens ... je länger ich selber in Brünn
bin, desto besser verstehe ich ihn.

Aber zurück zu den Deutschstudenten von gestern, ganz junge
Leute, noch am Anfang ihres Parcours durch die deutsche Sprache
und Kultur stehend, plus zwei Doktoranden, die das Ganze sehr
geschickt steuerten und anleiteten. Grundlage des Gesprächs war
mein Blog, und ich konnte bald feststellen, den hatten sie offenbar
aufmerksam und eingehend gelesen. An so kleinen Aufhängern wie
daß Königsberger Klopse auf keine bayerische Speisekarte gehören,
konnten wir ein bißchen deutsche Landeskunde und überhaupt
Nationalgeschichte betreiben. Mit meinem Hinweis, sie dürften
sich "Deutschland" nicht als ein einheitliches Gebilde vorstellen,
da gebe es sehr große Unterschiede, was Sprache, Mentalität, Kul-
tur, Kulinarik etc. angeht, rannte ich allerdings offene Türen ein.
Einer der Doktoranden meinte, das habe er schon mitbekommen,
daß nicht einmal Bayern EIN Bayern sei, das hätten ihm ein paar
Franken deutlich gemacht, die er über Oberbayern habe reden hören.
Irgendwann landeten wir dann bei der Politik, wahrscheinlich
unvermeidbarer Weise. Ich sollte ihnen die Bayernwahl erklären.
Aber nicht nur ich erklärte ihnen etwas, sondern sie auch mir. Nat-
türlich wurde die AfD und die Flüchtlingsproblematik ein Thema.
Und da mußte ich dann schon anbringen, daß ich bei aller grund-
sätzlichen Sympathie für Tschechien das Land in diesem Punkt
gar nicht verstehen könne: Warum es sich so strikt weigert, bei
einem europäischen Flüchtlingsverteilungspakt mitzumachen.
Neben ein paar Erklärungsversuchen, die diese jungen Leute aber
selber nicht teilten, sondern  nur wiedergaben, hörte ich ein
paar so deutliche Worte, daß mir das Herz aufging. Einer sagte,
er halte es für nachgerade eine Schande, wie undankbar sich
Tschechien gegenüber der EU zeige, von der es schon ungeheuer
viel profiert habe, ausgerechnet jetzt, da es einmal ein gravieren-
des Problem gebe, eben die Verteilung der Flüchtlinge auf ALLE
Mitgliedsstaaten. Donnerwetter!, habe ich mir da gedacht, was
für eine Klarheit im Denken und Reden. Und: Auf solche jungen
Leute kann man hoffen und bauen.



20 10
hrabalhaus

Hier also begann alles. In diesem kleinen Häuschen in der Balbino-
vá im Brünner Stadtteil Židenice wurde Bohumil Hrabal  geboren
(es ist die Nr. 47, das Haus, vor dem das rote Auto parkt). Es ge-
hörte seinen Großeltern, den Kilians, die ihrer Tochter Marie
in den recht beengten Verhältnissen ein Obdach boten. Sie war
nämlich ungewollt schwanger geworden, von einem Offizier der
österreichischen Armee namens Bohumil Bleh, im Sommer 1913.
Das klingt jetzt von den Großeltern verständnisvoller, als es
vielleicht war. Bohumil Hrabal selber kolportierte folgende Anek-
dote. Die Kilians saßen gerade zum Essen beieinander, als Toch-
ter Marie ihren Eltern gestand, daß sie ein Kind erwarte, der Ver-
ursacher aber die Vaterschaft anzuerkennen ablehne. Der Vater
habe daraufhin das Besteck auf den Tisch gelegt, ein Gewehr von
der Wand genommen, habe seine Tochter in den kleinen Garten
hinterm Haus geführt und gesagt, "knie dich nieder, ich erschieße
dich jetzt". Hrabals Großmutter soll dazwischen gegangen sein
mit den völlig gelassen hervorgebrachten Worten: "Laß sie los
und komm rein, sonst wird das Essen kalt." Ob sie nun wahr ist
oder nicht: ein typischer Hrabal ist diese kleine Geschichte auf
alle Fälle.

Überhaupt die Großmutter. Sie scheint die wichtigste Bezugsperson
in Hrabals frühem Leben gewesen zu sein. Die ersten drei Jahre wuchs
er bei ihr auf. Dann lernte seine Mutter den Brauerei-Buchhalter
Fran-
tišek Hrabal kennen. Nachdem die beiden geheiratet und der Ehe-
mann den kleinen Bohumil adoptiert hatte, zog die junge Familie 
nach Polná um. Das liegt an der heutigen Autobahn von Brünn nach
Prag, noch vor Humpolec. Also nicht allzu weit entfernt. Jedenfalls
nicht weit genug, um den kleinen Bohumil von Ausbruchsversuchen
abzuhalten. Er erzählt, er habe so riesige Sehnsucht nach
Židenice
und seiner Großmutter gehabt, daß er sich einmal auf die Ladefläche
eines Lastwagens geschmuggelt und dort in einem leeren Faß ver-
steckt habe. Mitten unter der Fahrt habe er dann nach vorne in die
Fahrerkabine gelangt und den Wagenlenker an der Schulter gekratzt.
Er solle
jetzt bitte anhalten, er sei nämlich hier zu Hause. - Statt bei
der Großmutter landete der vielleicht Sechs-, Siebenjährige auf
der Polizeistation.

Ich schau mich noch ein bißchen um. Wenige Meter vom ehemaligen
Großelternhaus entfernt, dort wo die Balbinová übergeht in Obstgär-
ten und ehemals auch kleine Weinberge (die Großmutter hatte selber
so einen) hat man einen Gedenkstein für Hrabal aufgestellt. Ich
wußte das schon, von meiner Internet-Recherche her. Und hab des-
halb extra ein Flaschl Bier im Rucksack mitgenommen. Das deponiere
ich jetzt hier. Dieser schöne Brauch war mir schon bei Hrabals Grab in
der Nähe von Kersko aufgefallen, da standen auch mehrere Bier-
flaschen vor dem Grabstein. Allerdings leere. Meine ist natürlich voll.
Und wenn ich mir die Leutchen so anschaue, die hier an mir vorbei-
schlurfen, da sind garantiert Kandidaten dabei, die sie sich mitneh-
men werden, wenn ich verschwunden bin. Und vielleicht denken
sie sich: Der Hrabal war schon ein patenter Kerl und ist noch immer
zu was zu gebrauchen. 

hrabalstein




21 10
trenckmumie

Als mich am Mittwoch Direktor Kubíček fragte, welche Pläne ich 
denn noch für die verbleibenden zwei Wochen in Brünn habe, da sagte
ich wie aus der Pistole geschossen: Kapuzinergruft. Und er schoß
genauso schnell zurück, indem er die Hände über dem Kopf zusam-
menschlug: Um Gotteswille, nein!  Man muß dazu wissen: In Brünn
werden die Kinder anscheinend mehrfach während ihrer Schulkar-
riere mit Besuchen bei den Mumien beglückt, die Lehrer kennen an-
scheinend wenig alternative Ziele für Wandertage. Herr
Kubiček
findet das nicht kindgerecht, auch wenn Martin Reiner, der am
Gespräch mit teilnahm, meinte, seine Tochter habe den Grusel der
Gruft eigentlich immer genossen.

Ich würde ja auch eher letzterer Meinung zuneigen. Tod und Verge-
hen - beziehungsweise im Fall der Mumien: angehaltenes Vergehen -
üben unbedingt eine Faszination aus, und das durchaus auch auf
junge Gemüter schon. Warum sonst Gruselgeschichten und Mär-
chen? Sei's wie es sei, die Gruft des Brünner Kapuzinerordens mit
ihren luftbetrockneten Leichen steht jedenfalls ganz oben auf der
Liste der Touristenattraktionen. Ich muß jedoch aus anderen Grün-
den hin. Denn jemand, der rund 25 Jahre in Waldmünchen gelebt
hat und seinen Namen folglich selbst im Schlaf noch buchstabieren
könnte auf Grund der Allgegenwärtigkeit des Pandurenoberst im
Stadtleben - bald 70 Jahre spielt man ein spektakuläres Freilicht-
stück über ihn -, muß ich nun also in die Gruft, um die Attraktion
der Attraktion zu sehen: die Mumie des Freiherrn Franziskus von
der Trenck.

Er als einziger hat einen ganzen Raum für sich, gleich den ersten.
Dort steht sein Sarg, abgeschlossen mit einem Glasaufbau, der
Eichendeckel mit seinem prunkvollen Namen hängt an der
Wand. An jeder Ecke der Holztruhe  eine hohe weiße Kerze. Als
Trenck starb, 1749, wurde er so beigesetzt, wie man es mit den
Mönchsbrüdern machte: in ein einfaches Gewand gekleidet,
wurde der Leichnam auf den Boden gelegt und einen Stein un-
ter den Kopf geschoben als "Kissen". Weiter hinten in der Gruft
sieht man noch eine Reihe Mönche so liegen.

Erst später wurde der Kriegsherr, um nicht zu sagen Kriegsver-
brecher so spektakulär aufgebahrt, wie man ihn heute sieht.
Das muß nicht unbedingt in seinem Sinne sein. Offenbar konn-
te ihm sein Beichtvater, eben ein Kapuzinermönch hier aus
dem Kloster, während seiner ungefähr einjährigen Haft oben
in der Spielbergfestung so ins Gewissen reden, daß er all seine
Taten bereute. Er wollte als armer Sünder in der Gruft bestattet
werden. Gleichzeitig zeigte er sich aber so spendabel in seinem
Testament für das Kloster, daß man dort alle Woche eine See-
lenmesse für den wenig zimperlichen Kriegsherrn las.

Wirklich zur Ruhe gekommen ist die sterbliche Hülle des Pandu-
renoberst trotzdem lange nicht. Einmal kam ihm ein Finger ab-
handen, er liegt nun in einem kleinen Schächtelchen neben der
Mumie. Ja, und dann ist da noch die Geschichte mit seinem Schä-
del. Es soll gar nicht seiner sein. Schaut man sich die Mumie
genauer an, sitzt er tatsächlich unnatürlich halslos auf dem
Rumpf. Mal heißt es, man habe den abgetrennten Kopf zu
Kaiserin Maria Theresia nach Wien geschickt, als Beweis, daß
Trenck tatsächlich tot sei. Dann wieder gab es Gerüchte, ein
Souvenir-Jäger habe ihn entwendet und die Mönche den Kopf
eines Kapuziners ihm quasi aufgesetzt. Seit vor einigen Jahren
aber eine penible forensische Untersuchung gemacht wurde,
ist klar: Alles an der Mumie ist original Trenck!



22 10
annaticho

Ich gestehe: Ihr Name war mir auch keinerlei Begriff. Anna
Ticho. Eine in Israel offenbar sehr geschätzte und verehrte
Malerin. Geboren wurde sie am Brünner Krautmarkt, im
Haus Nr. 21. Dort hängt heute auch eine Tafel, die an sie
erinnert, neben dem Eingang zu einem Touristen-Coffeeshop.
Sonderlich beachtet wird sie, habe ich den Eindruck, aller-
dings nicht.

Eine imposante, junge Frau, wie mir ein im Internet gefunde-
nes Porträtfoto aus dem Jahre 1920 beweist. Da war sie al-
lerdings schon in Palästina, denn mit 18 Jahren wanderte sie 
dorthin aus. In Jerusalem, wo sie den Rest ihren Lebens bis
1980 lebte, heiratete sie Abraham Albert Ticho, einen Au-
genarzt aus dem mährischen Städtchen Boskovice. Ihre Ge-
mälde, Aquarelle, Bleistiftzeichnungen - auch hier wird man
im Internet, was Bildwiedergaben betrifft, fündig - stellen
immer wieder die Hügellandschaft rund um Jerusalem dar,
die alten Olivenbäume, die dort wachsen. Sie sei nach Jeru-
salem gekommen, schreibt sie in einem Brief, als die Land-
schaft dort, künstlerisch betrachtet, noch jungfräuliches Terrain
gewesen sei. Sie aber sei von der "Erhabenheit der Szenerie,
der kahlen Hügel, den großen. alten Olivienbäumen" sogleich
beeindruckt gewesen, die zerklüfteten Abhänge der Hügel
hätten ihr "ein Gefühl von Einsamkeit und Ewigkeit" vermit-
telt.

Etwas, was man am Krautmarkt freilich nicht hat. Hier ist
quirliges, umtriebiges Leben. Das anscheinend auch Leoš
Janáček recht genossen hat. Er verbrachte hier seine Ju-
gend- und Schuljahre, ging unter anderem aufs Augustiner-
stift. Später war er Direktor eines Privat-Konservatoriums.
Er liegt auch hier in Brünn begraben, am Hauptfriedhof (wär
vielleicht noch ein mögliches Stadtrundgangsziel). Er soll
besonders gerne die Marktfrauen am Krautmarkt belauscht
haben, die auf- und absteigenden Tonfolgen ihre Ausrufe
sogar in Notationen versucht haben festzuhalten. Unter
anderem daraus entwickelte er später seine Theorien von
der Sprache naturgegeben innewohnenden Melodien. - Ich
hab jetzt schon oft und lang genug am Krautmarkt geses-
sen, von melodischen Marktschreiereien war leider gar nichts
zu hören. Allenfalls sympathische junge ukrainische Straßen-
musiker, die relativ schnell ihre Reisekasse aufbesserten.



23 10
unterfuehrung

Jetzt habe ich gestern schon wieder über Vergangenheit und
Tote geschrieben, und so beim Drüberschauen über meine
bisherigen Blogeinträge mußte ich denken: vielleicht zuviel
Rückschau, zuviel Friedhöfe, Menschenknochen (ein Bild
von den aufgereihten Kapuzinermönchen habe ich wieder
hinausgeworfen), zuviel, was gewesen und vorbei ist.
Dann aber las ich ein großartiges Interview von der mich
sehr beeindruckenden Judith Schalansky (auf der Homepage
der SZ zu finden), in dem sie ungeheuer aufschlußreich über
unser jetziges Hier und Jetzt spricht, indem sie über die
Verluste der Vergangenheit redet. Daraus wenigstens
dieser eine, auch das von mir hier Aufgezeichnete in
seiner Motivation vielleicht besser verständlich machende
Satz: "Wir sind heute nicht sehr ahnenbezogen. Vielleicht
begreifen wir uns deshalb nicht als Teil von etwas Größeren."
Aber nur wenn wir das begreifen, daß wir ein winziger Teil 
von etwas weitaus Größerem sind, hat beides eine Chance 
auf Weiterleben: wir und das große Ganze. Eine Stadtge-
sellschaft, die auf einem so vergangenheitsdurchtränkten
Boden lebt, wie die hier in Brünn, hätte die besten Voraus-
setzungen, dieses Gespräch mit denen, die vor uns da
waren, zu führen. Sich in Beziehung zu setzen zu den Ahnen.

Mensch!, und jetzt geht mir auch ein möglicher Sinn jener
rätselhaften Nachricht auf, die ich vor drei Tagen auf den
Beton einer Fußgängerunterführung geschrieben fand. Das
war an der Endstation Stará osada der
Šalina-Linie 3, von wo
aus es nicht weit ist bis zur Balbinová, wo Hrabals Geburts-
haus steht. "slyšíme se?" steht da, "hören wir uns?" Ganz im
konkreten Sinn von "reicht die Akkustik" aus. Wäre es
übertragen gemeint, im Sinne von "Hören wir voneinander?",
"Bleiben wir in Kontakt?", müßte es "u
slyšíme se?" heißen.
Das alles erklärt mir Jindra Dubová, Deutsch-Dozentin von
der Universität Pardubice, die mir schon seit Jahren die un-
ersetzlichsten Hilfen leistet beim Dolmetschen und Über-
setzen aus dem Tschechischen ins Deutsche. Sie also sagt,
"slyšíme se?" heißt "hören wir uns?" Und ich deute das
jetzt einfach so für mich, daß irgendein Amt für Denkan-
stösse diese Botschaft an der Fußgängerunterführung in
Stará osada anbringen ließ, um uns dies im Bewußtsein
zu halten, daß wir ab und an die Stimmen aus der Ver-
gangenheit hören und das Gespräch mit den Ahnen su-
chen sollten. Hören wir uns?