Aus: Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. Neu herausge- geben von Thomas Kraft, München (Nymphenburger Verlag) 2003, S. 1174–1176. [Der Artikel berücksichtigt Veröffentlichungen bis 2001.]

Setzwein, Bernhard, geboren am 29. 4. 1960 in München, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Bad Dürkheim, Köln und München, legte 1979 die Reifeprüfung ab, leistete in den Oberlandwerkstätten für Behinderte in Gaißach seinen Zivildienst und studierte von 1981 bis 1986 Germanistik in München. Von 1983 bis 1987 wirkte er als Mitinhaber und Mitgeschäftsführer des Friedl-Brehm-Verlages in Feldafing. Heute lebt er als freischaffender Autor in Waldmünchen am Fuße des Böhmerwaldes. 1983 wurde er mit dem Stipendium "Münchner Literaturjahr", 1986 mit dem zweiten Preis des Würzburger Literaturpreises und 1998 mit dem Bayerischen Förderpreis für Autoren ausgezeichnet.
Nach zwei schmalen Gedichtbänden in bayerischer Mundart
vareck (1978) und Hobdz mi gern (1980) , in denen Bernhard Setzwein pubertären Ängsten und Identitätsproblemen in düster-melancholischen Bildern Ausdruck verliehen hatte, erschien 1981 mit Brandwunden sein erster Prosatext. Literarisch deutlich gereift, konfrontiert Setzwein den Leser mit einer im Schülermilieu angesiedelten, schizoiden Situation. Eine Persönlichkeit zerfällt in zwei Seiten, Draude und Drahnreb, die im lebhaften Disput die Geschichte vom "Frosch", ihrem Mitschüler und Freund, rekonstruieren. Frosch, ein sensibler, unter der permanenten Gewalttätigkeit seiner Umwelt leidender Junge, artikuliert seine verletzten Gefühle mit Graffitis an den Toilettenwänden seiner Schule. Das Fernsehbild eines durch Napalm entzündeten Menschen im Vietnamkrieg, eines "brennenden Menschen", drängt Frosch, "danach zu fragen, wie es kommen kann, daß ein Mensch in Flammen steht?" Er zeichnet erneut, die Erwachsenenwelt reagiert verständnislos. Statt dessen kommt es zum Eklat in der Schule, Frosch flieht, wird verhaftet und begeht Selbstmord. Seine Umwelt geht zur Tagesordnung über, nur eine Seite der Erzählerpersönlichkeit rebelliert und stößt in Gedanken an Frosch drohende Parolen an dessen offenem Grab aus. Durch Rückblenden in das Deutschland der NS-Zeit aktualisiert Setzwein die Kontinuität des alltäglichen Faschismus: Denunziation, Gewalt gegen Anders- denkenden, ermöglicht durch politische Passivität und humanitäres Versagen, damals wie heute.
Was sich in den Brandwunden, "einer in der Sprache genauen und in ihrer Entschiedenheit beinahe verletzenden Erzählung" (Peter Härtling) bereits andeutete, führt Setzwein in seinen Romanen Wurzelwerk (1984) und Hirnweltlers Rückkehr (1987) konsequent weiter: die Fortschreibung eines "Universal-Sendlikon". Sendling, ein Münchener Stadtteil, "ein winziger Ort. Ohne Grenzen", wird zum Modellfall. Anhand der eigenen Familiengeschichte betreibt Setzwein Milieustudien, beschreibt Szenen aus dem deutschen Alltag. Setzwein zerstört die Scheinidylle im Kopf, während Stadtsanierung und Wohnungsbaupolitik dörflich anmutende Enklaven wie die Stemmer Wiesn in Sendling (Wurzelwerk) auslöschen. Der fortschreitenden Einschränkung menschlichen Lebensraumes stünden nur hilflose Apathie und Desinteresse gegenüber, klagt der Erzähler. So gleicht das parallel zur Zerstörung der Stemmer Wiesn stattfindende Sendlinger Bürgerfest einem infernalischen Tollhaus Brueghelscher Prägung, wo wildgewordene Zerberusse und Hexen in Menschengestalt gehässig und aggressiv auftreten. Kuriose, surreale Szenen spielen sich dort ab. Moderatere Töne dann im Roman Hirnweltlers Rückkehr, in dem "der Absturz des Provinzlers Jean Paul Richter auf die Großstadt, dessen beschwerlicher Fußmarsch durch Geschichte und Sendling, seine Zusammenkunft mit dem Geheimrat am Goetheplatz und finaler Ausblick aus dem Kopf der Bavaria auf die Wiesnmaschin" erzählt wird. Die Stadt gleicht einer Theaterbühne, auf der der Erzähler Jean Paul über die Errungenschaften moderner Zivilisation aufklärt. Auf ihrem Spaziergang, bei dem sie sich Jean Pauls Reise 1796 nach Weimar erinnern, begegnen die beiden dem bayerischen Dichtergrafen von Pocci und tritt Aristophanes aus dem Erotik-Shop, während Goethe im Café Högl einem Weißbierglas entsteigt. Im aufflammenden Dichterwettstreit unterliegt Goethe Jean Paul, dem "finstersten Komödienschreiber, den wir haben". Zum Abschluß schweift ihr atemloser Blick von der Bavaria über das Oktoberfest, Teatro mundi, Todesspirale und Bierexitus.
Man könnte Setzwein zugleich als zornigen Lokalpatrioten, aufklärerischen Traditionlisten und satirischen Erzähler bezeichnen. Er fabuliert wortgewaltig, schlägt grenzgängerisch Brücken zu benachbarten Kulturen (Ein Fahneneid aufs Niemands- land, 2001) und plündert gerne das germanistische Schatzkästchen, wie zum Beispiel in seinem vorzüglichen Nietzsche-Roman Nicht kalt genug (2002) oder in zahllosen Essays über verehrte Autoren wie Oskar Maria Graf und Emerenz Meier, die "Bayerwalddichterin". Er erzählt garstige Münchner Geschichten, auch auf dem Theater (Watten Wagner Wichs, 1998), sucht in Stadtführern als Spaziergänger das Herz von München und in Landschaftsbüchern nach den Schönheiten Bayerns. Im Langgedicht OberländerEckeDaiser (1993) versammelt sich die Münchner Literaturszene im Wirtshaus seines Großvaters in Sendling. Lenin und Robert Walser sitzen plaudernd im Herrgottswinkel, Joseph Roth widmet sich dem Absinth und Graf und Panizza buhlen um die Gunst der Damen. In seinem poetischen Totentanz beschwört Setzwein geschichtsträchtiges Terrain und konfrontiert es derb und frech mit den realen Schreckensbildern, die der Filmvorführer Karl Valentin als "Poesie-Clips" auf der Videowand zeigt. Mit Das Buch der sieben Gerechten (1999) knüpft er in gewisser Weise an Hirnweltlers Rückkehr an: Verwegen spielt er in diesem München-Roman mit Zeit- und Handlungsebenen, durchmischt historische Ereignisse anekdotenhaft mit metaphysischen Eingebungen und brilliert mit Episoden wie der Begegnung Franz Kafka mit Adolf Hitler im Münchner Hofgarten. In dieser humorvollen Phantasmagorie mit ihren bewußten Irritationen und Spekulationen ist der Leser gefordert, "sich lachend darüber hinwegzusetzen" und den im Grunde einfachen Geschichten wieder auf die Spur zu kommen.

 
            Thomas Kraft    
 
               
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      WebGrafik: Ingrid Balk-Lintl