Interview mit Bernhard Setzwein aus der Zeitschrift "Deutsche Bücher", Heft 2, 1994:                
Das Gespräch mit Bernhard Setzwein führte Prof. Hans-Peter Ecker am 1. November 1994 in Waldmünchen              
Im letzten Jahr hast Du mit dem Versepos "OberländerEckeDaiser" ein Buch publiziert, das eine markante Station in Deiner bisherigen Schriftstellerlaufbahn markiert: Einmal setzt mit diesem Gedichtband eine öffentliche Kenntnisnahme und Anerkennung Deines Schreibens ein, die über die Heimatregion hinausgeht, in der Du natürlich schon seit längerer Zeit eine feste Größe warst; und zum anderen werden hier wohl seit langem erarbeitete Themen und literarische Gestaltungsmittel
in eine ureigene Form gebracht, die Bestand haben dürfte.
           
Mein buchlanges Gedicht "OberländerEckeDaiser", an dem ich, mit Unterbrechungen natürlich, zirka sieben Jahre lang gearbeitet habe, bringt meine vorherigen Arbeiten, das sehe ich ähnlich wie Leser und Kritiker, die auf das Buch reagiert haben... ja, ich sollte nicht sagen auf den Punkt, sondern auf die Ecke. Der Titel dieses Langgedichtes benennt eine Straßenkreuzung in dem traditionsreichen Münchner Stadtteil Sendling. Mein Großvater hatte dort eine Wirtschaft in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Mir ist als Kind einiges erzählt worden von diesem Bierdunst geschwängerten Atlantis, das ich selbst nie gesehen habe. Das ist der biographische Anknüpfungspunkt an diesen Ort, den ich mir schon früh zu einer Bühne umgebaut habe, auf der ich mein Kopftheater aufführe. Darüber hinaus hat dieser Stadtteil Symptomatisches, so daß er mir geeignet erschien, den Schauplatz für gleich mehrere Bücher abzugeben, die zwar einen genau umrissenen Mikrokosmos beschreiben, aber, so hoffe ich, auch Allgemeingültiges beinhalten, was sich auf andere Orte übertragen läßt. Letztlich sollte mein literarisches Sendling nur Modell sein, Beispiel für urbane Entwicklung. Und ich glaube, es hat auch viel Beispielhaftes: So ist die Siedlung derer von Sentilo, der anscheinend ein keltischer Stammesführer war, älter als München, und sie hat, bis in unser Jahrhundert herein, ihren dörflich-bäuerlichen Charakter bewahren können. Obwohl mitten in der Stadt gelegen, gab es dort noch Bauernhöfe und Wiesen mit weidendem Vieh. Daneben hat Sendling aber auch eine proletarische Struktur, etwa durch den nahegelegenen Schlachthof und die Großmarkthallen. Nicht von ungefähr hat die Münchner Räterepublik ihren Ausgang genommen durch eine Rede Kurt Eisners auf der Theresienwiese, die direkt angrenzt. Sendling war Schauplatz eines Ereignisses, das zum bayrischen Mythos schlechthin wurde, der "Sendlinger Mordweihnacht" von 1705, einem inszenierten Volksaufstand, der die Liebe des Volkes zu seinen Herrschern beweisen sollte, für die zu den Waffen Gezwungenen aber mit einem fürchterlichen Gemetzel endete. Ich beschäftige mich nun schon zirka fünfzehn Jahre mit der Geschichte und den Geschichten dieses Stadtteils und ich stoße immer wieder auf frappante Sachen. So habe ich herausgefunden, daß Johannes Freumbichler, der schriftstellernde Großvater von Thomas Bernhard, eine Zeitlang in Sendling gelebt hat.            
Bernhard Setzwein - ein Archäologe, der seine Funde in Literatur verwandelt?          
All diese Motive, Geschichten und Figuren baue ich in mein literarisches Großprojekt mit dem Arbeitstitel "Universal-Sendlikon" ein. Das Dumme am Schreiben ist ja, daß man immer mal wieder einen Schlußpunkt machen muß, um zu der Herausgabe eines Buches zu kommen. Viel lieber würde ich ununterbrochen an einem einzigen großen Buch schreiben. An dem "Buch Sendling". Weil das nicht geht, habe ich mir den etwas faulen Trick ausgedacht, das große "Buch Sendling" in vielen kleinen Einzelbänden herauszubringen. Zusammengenommen sollten sie eine mehrbändige poetische Enzyklopädie ergeben, daher der Arbeitstitel "Universal-Sendlikon". Angefangen hat es mit dem Roman "Wurzelwerk", der auf mehreren, parallel geführten Zeitebenen die Geschichte dieses Stadtteils erzählt, die, auch das symptomatisch für wahrscheinlich viele Großstädte, in Sanierung und Neubebauung endet, die diesem Stadtteil viel von seiner ursprünglichen Identität genommen haben. Es folgte die Erzählung "Hirnweltlers Rückkehr", in der ich mit meinem großen literarischen Lehrmeister Jean Paul einen Stadtteilspaziergang im Sendling des Jahres 1986 unternehme. Eine der Hauptfiguren aus "Wurzelwerk" taucht dann noch einmal in meinem Theaterstück "Zucker" auf, und natürlich gehört auch das Gedicht "OberländerEckeDaiser" zu diesem gattungsübergreifendem "Universal-Sendlikon".          
Dieses Projekt lebt ja nicht nur von seinen kräftigen, auf verschiedenen Realitätsebenen angesiedelten Charakteren und seinen deftigen Ereignissen, sondern zu einem ganz erheblichen Anteil auch von seiner Sprache: einem originalen "Sendling- oder Setzwein-Ton", der aus einer individuellen Mischung von Dialekt und Hochsprache zusammengebraut wird und mit dem Du doch schon sehr lange Erfahrungen gesammelt hast?          
Für Außenstehende mag es so aussehen, als hätte ich die ersten schriftstellerischen Versuche als Mundartautor unternommen. Meine ersten beiden Veröffentlichungen, Mundartlyrikbände, der erste davon erschien, da war ich noch Schüler, legten dies ja nahe. Dazu muß ich aber sagen, daß in der Produktion Mundart und Schriftdeutsch von Anfang an gleichberechtigt nebeneinanderstanden. Schon neben den Mundartgedichten schrieb ich die Erzählung "Brandwunden", in der übrigens bereits Sendlinger Motive, wie die Wirtschaft des Großvaters, vorkommen, die aber als Zentralthema eine Schülerrebellion erzählt, die man als Allegorie der 68er Ereignisse lesen kann, insbesondere des westdeutschen Protestes gegen den Vietnamkrieg ... Gut, ich bin damals, acht-zehn-, neunzehnjährig, mitunter auch einem Dogmatismus erlegen, hab mich von ideologisch einseitigen Thesen anderer Mundartautoren anstecken lassen. Da war von "Mundart als Waffe" die Rede, davon, daß der Dialekt, als die Sprache der Unterdrückten, das ehrlichere und humanere Medium sei. Ich habe dann mit einem ausgreifenden lyrischen Text - vielleicht schon eine Vorstufe und Fingerübung zu dem Langgedicht "OberländerEckeDaiser"? - Erfahrungen aus meinem Zivildienst als Kriegsdienstverweigerer verarbeitet, aus dem deutlich wird, daß Mundart beides sein kann: Sprache der Machtlosen und der Machthaber, Ausdruck sensibler Feinfühligkeit, aber auch Medium größter Aggressivität und Dumpfheit. Der Text heißt "Da Dorfdepp" und stellt in einer Art Rollenlyrik die Aussagen von geistig Behinderten denen der sogenannten "Normalen" gegenüber. Dieser Text ist mir mit der wichtigste aus dieser Anfangsphase, ich habe ihn noch einmal in einen Auswahlband meiner Mundartlyrik aus dem Jahr 1990, "Oidweiwasumma", aufgenommen.
Ich verwende auch heute noch gerne mundartliche Wendungen und Ausdrücke, gewissermaßen als das Salz in meinem schriftsprachlichen Teig. Es gibt doch so viele Beispiele, ob bei den Schweizern oder bei Autoren wie Thomas Bernhard und Herzmanovsky-Orlando, wie produktiv und inspirativ es sich auswirken kann, wenn ein Autor auf einen dialektalen Fundus zurückgreifen kann. Schriftdeutsch - ich spreche nicht gerne von "Hoch"deutsch, das beinhaltet doch, daß die Mundart tieferstehend ist, auf niedrigerer Entwicklungsstufe - Schriftdeutsch also war für mich ... nicht gerade die erste Fremdsprache, aber doch ein sehr hart sich zu erarbeitendes Medium. Ich war lange Zeit in der Schule ein halber Legastheniker. Ich halte das aber für nicht ungewöhnlich, daß man als Autor das Material, das man gestalten will, sich erst einmal gefügig machen muß, es zurechthauen muß, wie einen groben Granitblock, aus dem sich einmal eine Figur herausbilden soll. Heute versuche ich, mir das alles nutzbar zu machen, Mundart, Schriftdeutsch, Fachsprachen, Lutherdeutsch, barockes Wortgedonner, alles darf nebeneinander bestehen, so wie ich es in "OberländerEckeDaiser" versucht habe.
         
Ich habe aber doch den Eindruck, daß die Mundart auch bei Dir etwas mit Engagement oder sagen wir: politischer Einstellung zu tun hat.          
Sicher hat die Entscheidung, sich als Autor in bestimmten Zusammenhängen der Mundart zu bedienen, auch eine politische Komponente. Dem Sinne nach: Man gibt den Ohnmächtigen, Sprach-losen eine Stimme. Das trifft wahrscheinlich auch auf einige meiner Texte zu... und dennoch komme ich da immer mehr ins Zweifeln, ob es so einfach ist. Grad bei uns in Bayern gibt es ja so ein, besonders auch von Politikern gern benutztes Honoratioren-Bayerisch, einen Sprachkleister, mit dem uns zum Beispiel die seit Jahrzehnten regierende Staatspartei die Ohren zupickt. Mir geht es viel mehr darum, zu schauen und, wo nötig, zu entlarven, was gesagt wird und weniger wie, ob in einer vermeintlich gemütlich-urigen Mundart oder in Schriftdeutsch, die manche Mundartkollegen von mir schon als die Sprache der Lüge denunziert haben.          
Laß mich den politischen Aspekt noch einmal ansprechen: Ob Du nun im Dialekt oder im Hoch-, pardon! Schriftdeutschen schreibst, ob Fiktives entsteht oder Landeskundliches, ich denke jetzt z.B. an dein Isarbuch, führst Du nicht irgendwie immer die Sache der kleinen Leute, der Ohnmächtigen und zu kurz Gekommenen?          
Der Autor als Anwalt der kleinen Leute? Na ja, einerseits würde ich das unterschreiben, andererseits habe ich auch meine Probleme damit. Natürlich versuche ich gerade auch in diesem Projekt "Universal-Sendlikon" 'Geschichte von unten' zu erzählen, das Leben in den Mietskasernen zu beschreiben, in den Bierwirtschaften und weniger das Leben in einem Hochsicherheitstrakt wie der früheren Wohnung von Franz Josef Strauß, der der Wohnadresse nach ja auch ein Sendlinger war. Aber man kommt ja als Erzähler einer gerade auch bayerischen 'Geschichte von unten' nicht darum herum, auf die Defizite im politischen Handeln der 'kleinen Leute' hinzuweisen. Um ein Beispiel zu nennen: München hat nun einmal, daran gibt's nichts zu deuteln, Hitler großgemacht, es war die ideale Brutstätte für den anfänglich ideologisch völlig desorientierten Gefreiten des Ersten Weltkrieges, der übrigens einige Wochen lang mit den Rotarmisten der Räterepublik paktiert hat. Ein führerloser Hund, der nach seinem Herrn sucht, so hat ein militärischer Vorgesetzter Hitler genannt. Gut, es waren zuerst nicht die kleinen Leute, es waren Industrielle, es waren Münchner Verleger, die Hitler richtiggehend aufgebaut haben, aber nachher hat er ja wohl doch genügend Metzgermeister, Schreiner, Maurer und was weiß ich gefunden, um seine Schlägertrupps zu rekrutieren. - Ich glaube, gerade auch als bayerischer Autor, als Autor, der sich mit diesem Land, seiner Geschichte und seinen Leuten auseinandersetzt, ist man immer von dieser Ambivalenz geprägt: Man möchte Partei für die - blöder Ausdruck - 'kleinen Leute' ergreifen und gleichzeitig sieht man, daß sie ja selber schuld sind an so vielen, was ihnen widerfährt, weil diese Bayern einfach ein absolut obrigkeits-... nein, eben nicht höriger, sondern obrigkeitswurschtiger Stamm sind. Sie sind in ihrem innersten Wesen Anarchisten, wie schon der Herbert Achternbusch gesagt hat, und sie wählen doch alle die CSU!          
Alle?          
Na ja, fast.          
Da gibt es in deinen Büchern doch auch immer verletzbare, dünnhäutige Figuren, die überhaupt nicht "wurschtig" sind und sich an der Welt, so wie sie ist, böse die Finger, ja sogar das Herz verbrennen?          
Diese politische Dumpfheit, diese Ignoranz gegenüber allem, was außerhalb des eigenen Gesichtskreises liegt - vielleicht sind das bayrisch-bäurische Wesensmerkmale (es interessiert nur das eigene Sach', sonst nichts) -, das alles bildet den politischen Hintergrund, vor dem meine Erzählung "Brandwunden" spielt. Da ist ein besonders sensibler Jugendlicher - ich hatte beim Schreiben einen ganz bestimmten Jugend- und Schulfreund vor Augen -, der ist von dem Fernsehbild aus Vietnam, diesem 'berühmten', immer wieder gesendeten, wo eine Mutter mit dem von einer Napalmbombe getroffenen Kind über die Straße rennt, so erschüttert, daß er einen brennenden Menschen als Graffiti auf eine der Schulmauern zeichnet. Er muß diese Brandwunde, die in seinem Hirn von diesen Fernsehbildern zurückbleibt, loswerden. Aber wie ist die Reaktion der Schulleitung, der Erwachsenenwelt darauf? Man kommt mit der Schulordnung, man reagiert mit Disziplinierungsmaßnahmen, man reagiert mit Unverständnis und Ignoranz. Ich habe diese Erzählung mit dem ganzen ungerechten Zorn, den man in diesem Alter hat, geschrieben, ich glaube, so unerbittlich war ich in keinem Text danach mehr.          
"Zorn" scheint mir schon eine Kategorie zu sein, die auf mehrere Passagen deiner Bücher paßt. Da es seit 1990 einen Handbuchartikel über Bernhard Setzwein gibt und mir ein zweiter im Manuskript bekannt ist, weiß ich, daß Peter Härtling "Brandwunden" einmal als "eine in der Sprache genaue und in ihrer Entschiedenheit beinahe verletzende Erzählung" genannt hat.          
Manchmal wünschte ich mir, noch einmal mit einem solchen unerbittlichen und ungerechten Zorn schreiben zu können. Aber man wird ja immer verständiger mit der Zeit, man findet für alles Erklärungen, die auch immer ein Stück Entschuldigung sind. Angesichts der brennenden Asyl- und Ausländerheime ist mir mein kleines, allzu frühes Buch "Brandwunden" oft wieder eingefallen, man könnte es heute, glaube ich, noch einmal genau so schreiben. Nur andere Fernsehbilder wären der Auslöser.          
  Du siehst dich in dieser Haltung, wie man aus mehreren deiner Bücher weiß, in einer bestimmten literarischen Gesellschaft; da gibt es sozusagen eine Ahnengalerie verwandter Geister, in deren Gesellschaft Du Dich offenbar so wohl fühlst, daß Du sie immer wieder um Dich versammelst.        
Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß man als Schreibender nie bei Null anfängt, sondern immer das bereits Geschriebene weiterschreibt. Für mich ist es geradezu ein anspornender Gedanke, daß alle Autoren miteinander an einem großen Buch schreiben. So ist mein ständiges Herbeizitieren der 'Kollegen' zu verstehen. Und es sind eben Kollegen, die, so stelle ich mir vor, sich auch ständig an ihren Landsleuten gerieben haben. Oskar Maria Graf zum Beispiel, er läßt in vielen Geschichten kein gutes Haar an seinen oberbayerischen Bauern, ja nicht einmal an den Spezln seiner Revolutionsjahre. Und dennoch wird wohl niemand bestreiten, daß Grafs ganzes Schreiben von einer unbandigen Liebe zu seiner Heimat bestimmt ist - auffällig allerdings auch hier, daß er im Grunde ein Heimatdichter ohne Heimat war, lebte er doch fast die Hälfte seines Lebens von seinen Lesern in Deutschland getrennt. Oder, um noch einen anderen zu nennen, der auch in"OberländerEckeDaiser" auftritt: Oskar Panizza,  
      ... ein Eiferer,    
ja, dazu noch ein Polemiker, ein Pamphletist, wie er im Buch steht, auf den genau zutrifft, was ein anderer bayerischer Autor, Carl Amery, als Forderung an ernsthafte Literatur aufgestellt hat: "Zorn, der einen Sinn und eine Legitimität haben soll, hat sich gegen die Mächtigen zu richten, hat nach oben zu reden." Das war im Falle Panizzas die katholische Kirche, das waren 'seine' Oberen, an deren Adresse er seine Zornestiraden gerichtet hat. Und dennoch wird man nicht einfach sagen können, er war ein Anwalt der kleinen Leute. Nein, die hat er genauso beschimpft, weil sie nämlich zulassen, daß die 'Oberen' überhaupt ihr korruptes Spiel treiben können.          
Damit wäre Panizza zuerst und vor allem ein Anwalt seiner selbst?          
Richtig. Und er war Ankläger. Er hat die Münchner in Bausch und Bogen verdammt. Ein Volk, dem Nierenarbeit und Darmfunktion alles seien, hat er geschrieben, womit er ja auch jene politische Lethargie meinte, von der ich schon sprach.          
Soviel zu Graf und Panizza. Allmählich sollten wir aber auf einen gewissen fränkischen Gerstensaftverehrer zu sprechen kommen, der für Bernhard Setzwein sicher eine besondere Bedeutung besitzt!          
Ja, Jean Paul nimmt bei mir eine ganz besondere Stellung ein. Ich habe mich vielfach mit ihm beschäftigt, meine Magisterarbeit über den "Siebenkäs" geschrieben, ihm eine Erzählung gewidmet, "Hirnweltlers Rückkehr", und er geistert selbstredend auch durch mein Gedicht "OberländerEckeDaiser". Von den vielen Aspekten, die ich bei ihm gelernt habe, möchte ich die Mischung aus Phantastik und Realismus herausgreifen. Wir sprachen von der politischen Einstellung, und ich würde mich da schon im weitesten Sinne als sozialkritischen Autor sehen. Nur finde ich, ein Autor sollte es sich nicht ausreden lassen, auf seinen ureigenen, spezifischen Mitteln zu bestehen. Von einem reportagehaften Realismus, der in der Art des Sensationsjournalismus immer den neuesten Trends hinterherjagt, halte ich wenig. Der große politische Roman, von Kritikern seit einiger Zeit gefordert, der zum Beispiel die ganzen Ereignisse der politischen Wende im Osten in sich aufgesogen haben sollte, der ist doch schon x-fach verfilmt worden, ohne daß ihn einer schreiben mußte.          
Höre ich hier eine Skepsis gegenüber der Leistungsfähigkeit des eigenen Mediums heraus?          
    Ich sag das gar nicht mit diesem kulturpessimistischen Unterton, sondern rein als Zustandsbeschreibung: Der Journalismus hat der Literatur eine ganz bestimmte Funktion abgenommen, kann diese viel besser erfüllen. Keine fiktive Geschichte von Stasi-Agenten, Russen-Mafia und Plutoniumschmuggel kann doch den gut recherchierten Reportagen im Fernsehen und in den Zeitschriften das Wasser reichen? Das ist doch viel spannender und informativer zu lesen, als jeder Roman. Was gibt es dem noch von literarischer Seite hinzuzufügen? Vielleicht Geschichten, wie sie Jean Paul schon vor zweihundert Jahren geschrieben hat. Zum Beispiel in seinem "Luftschiffer Giannozzo", wo er die Misere der deutschen Kleinstaaterei aufs genaueste darstellt und doch immer wieder zu den herrlichsten Phantasien dank des Heißluftballons aufsteigt. Oder nehmen wir den "Siebenkäs": Neben vielem anderen, was dieses Buch auch ist, hat man hier im Grunde einen Sozialreport vor sich über das Leben der 'kleinen Leute' Ende des 18. Jahrhunderts. Und dann haut er wieder solche radikale Poesie dazwischen wie die "Rede des toten Christus". Nur so etwas kann mich auch beim eigenen Schreiben interessieren: genau recherchierter Realismus, durchschossen mit wildesten Phantasien.      
    Nicht alle Autoren sind im Setzwein-Wirtshaus OberländerEckeDaiser gleich wohl gelitten wie Jean Paul?      
  Na ja, fast. Es stimmt, daß ich auch einige in mitunter überzogener polemischer Art, um etwas deutlich zu machen, aus meiner Wirtshausgesellschaft oder, wenn man so will, aus meiner privaten Literatur-geschichte, hinauswerfe. Daß dies im Falle Ludwig Thomas...        
    Ja, an den dachte ich unter anderem!      
... so vehement geschieht, hat seine Gründe. Ludwig Thoma war und ist, in bestimmten Kreisen, der Exponent eines weiß-blauen Bayerntums, dem ich mit all meinen Arbeiten ein Gegenbild entgegensetzen möchte. Ihn hat man zum Nationaldichter erhoben und nicht etwa den Emigranten Oskar Maria Graf, den man nach dem Krieg, weil er zuerst in der DDR verlegt wurde, als Kommunist denunziert hat. (Seine Geburtsgemeinde Berg am Starnberger See wehrte sich vor Jahren noch, eine Straße nach ihm zu benennen!) Nun ist vor wenigen Jahren eine Seite Ludwig Thomas zu tage gekommen, von der Eingeweihte in Ansätzen wußten, die allerdings die große Thomagemeinde eminent schockiert hat. (Die Stadt München hat seitdem aufgehört, ihre Ludwig-Thoma-Medaille zu verleihen!) In den Jahren 1920/21 hat Thoma anonym widerwärtigste Hetzartikel für die oberbayerische Provinzzeitung "Miesbacher Anzeiger" geschrieben, die auch prompt enorme Auflagensteigerungen erlebte. Er hat darin offen zu Ausschreitungen gegen Juden und Sozialdemokraten aufgerufen, er hat die Ermordung Kurt Eisners bejubelt, er hat die Weimarer Demokratie in Grund und Boden geschmäht. Spätestens seit dies durch eine Edition all dieser Artikel durch Wilhelm Volkert penibel offengelegt ist, hätte man aufhören müssen, Thoma - etwa durch diese alljährlichen, übers ganze Land verstreuten Lesungen der "Heiligen Nacht" zu Weihnachten - weiterhin als 'unseren' Nationaldichter zu zelebrieren. Das Ganze hat allerdings Methode. Das kannst du an anderen Beispielen genauso sehen. Warum tut sich dieses Land so schwer, jener Männer und Frauen zu gedenken, denen es nicht nur den Namen "Freistaat" verdankt, sondern, um nur ein Beispiel zu nennen, das passive und aktive Wahlrecht für Frauen? Was gab es für ein lokalpolitisches Kasperltheater um die Aufstellung eines Denkmals für Kurt Eisner? Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Und alle diese Verdrehungen und Umdeutungen und vor allem Auslassungen zementieren seit Jahren ein Bayernbild, das sich verselbständigt hat. Wer weiß außerhalb Bayerns, daß wir zwar seit Ewigkeiten von der CSU regiert werden, allerdings nach einer Verfassung, die der Sozialdemokrat Wilhelm Hoegner maßgebend initiert hat und in der so kryptosozialistische Forderungen stehen wie "für die Allgemeinheit lebenswichtige Produktionsmittel, Großbanken und Versicherungen können in Gemeineigentum überführt werden." Alles, was ich hier nur so kursorisch streifen kann, habe ich in "An den Ufern der Isar", näher ausgeführt, und ich wollte damit zeigen, daß dieses Land noch eine andere Geschichte hat, als die offiziell sanktionierte und verbreitete.          
  Deinem alternativen Bayernportrait im Isarbuch hast Du doch vor ein paar Jahren schon ein literargeschichtliches vorausgeschickt, "Käuze, Ketzer, Komödianten", das im Prinzip das gleiche Anliegen verfolgt?        
Zu meinen Bemühungen um ein Bild des anderen Bayern gehören sicher auch diese Portraits bayerischer Autorinnen und Autoren, die ich eigentlich unter dem Titel "Immer gegen die Machthaber" veröffentlichen wollte; der Verlag war dagegen. Ich gestehe gerne, daß ich entscheidende Anstöße zu dieser Sicht und Haltung gegenüber der bayerischen Literatur meinem ersten Verleger Friedl Brehm verdanke. Ich bin siebzehnjährig zu seinem Verlag gestoßen, der das Sammelbecken einer jungen bayerischen aufmüpfigen Mundartliteratur war. Ich habe ihm nicht nur die Publikation meiner ersten drei Bücher zu verdanken, sondern viel, viel mehr. Einen kleinen Dank wollte ich zurückerstatten in Form eines Portraits seiner Person und seines ganz und gar unkonventionellen Verlages, den er als 'Feierabend-Hobby', das letztlich sein ganzes Leben ausgemacht hat, aus einem Kellerloch heraus betrieben hat. Diese Hommage an ihn steht im Mittelpunkt dieses Buches "Käuze, Ketzer, Komödianten", weil er als Mensch und Verleger für mich Inbegriff einer Existenz war, die sich gegen Konventionen und Machthaber auflehnt. Allerdings auf eine ganz liebenswürdig schräge Art, so wie ja auch sein Äußeres und Auftreten war: ein Sechzigjähriger mit langen grauen Haaren in Jeans, aber mit formvollendetem Handkuß für die Damen. Um sein Portrait herum habe ich solche Autorinnen und Autoren gruppiert, die es schwer hatten, sich zum Beispiel gegen die Machthaber der literarischen Szene durchzusetzen. Da gibt es so leise Menschen wie die mittlerweile achtundachtzigjährige Grete Weil, die als Jüdin und überzeugte Münchnerin in das Land der Mörder ihres Mannes zurückgekommen ist, um hier literarisch Zeugnis zu geben von ihrem exemplarischen Leben. Oder, gänzlich vergessen, eine, wie ich finde, ganz bemerkenswerte Autorin, Anna Croissant-Rust, die in den Jahrzehnten vor und nach 1900 Heimatliteratur schrieb, meilenweit entfernt von Ganghofer und Thoma, dagegen teilweise inspiriert von den Expressionsten. Sie muß eine so scheue Autorin gewesen sein, daß sie gar nichts getan hat, um sich im Literaturbetrieb zu etablieren, mit dem Ergebnis, daß sie heute aus der Literaturgeschichtsschreibung getilgt ist. Dazu kommen dann noch Autoren wie Oskar Maria Graf und Jean Paul, über die wir schon gesprochen haben, aber auch Einzelgänger wie Carl Amery und Paul Wühr.        
Carl-Ludwig Reichert bezog in einer Rundfunkbesprechung Dein Sendling-Opus auf den Entwurf eines "Gegenmünchen" von Paul Wühr, machte aber auch deutlich, daß "OberländerEckeDaiser" als "postmodernes Bavaricum" darüber hinaus etwas eigenes darstelle.          
Paul Wührs "Falsches Buch", das kann man nicht verhehlen, stand Pate bei den allerersten Überlegungen zu "OberländerEckeDaiser". Ich habe mich mit diesem 700seitigen Brocken während des Studiums ungefähr ein halbes Jahr intensivst beschäftigt. Was er dort macht, daß er die kleine "Münchener Freiheit", ein Forum im Münchner Stadtteil Schwabing, zur Bühne eines irrwitzigen Romantheaters umbaut, hat sicher auch zu der Idee von der Wirtschaft des Setzwein-Opas als Treffpunkt dieses Schriftstellerkongresses geführt. Allerdings hat Wühr, der ja auch Langgedichte schreibt, eine ganz andere Auffassung von Lyrik, er lehnt Bildlichkeit, Metaphern ziemlich rigoros ab.          
Mir ist bei der Lektüre Deines Sendlinger Autorentreffens unwillkürlich "Das Treffen in Telgte" von Grass eingefallen; eine abwegige Assoziation?          
Die Frage nach Günter Grass ist absolut berechtigt, jeder, der meinen Roman "Wurzelwerk" liest, wird erkennen, welch starken Eindruck die Grass-Lektüre bei mir hinterlassen hat. Es waren vor allem die "Blechtrommel" und die "Hundejahre", die ich sechzehn-, siebzehnjährig las, und zu der Zeit, als Schüler noch, habe ich ja auch schon mit den allerersten Vorstufen zu "Wurzelwerk" angefangen. Daß Grass und andere in "OberländerEckeDaiser" nicht auftreten, hängt ganz simpel mit dem Grundeinfall zusammen, dieses Langgedicht als poetologische Geisterbeschwörung anheben zu lassen. Es sind nur verstorbene Autoren, die sich dort treffen.          
Mir ist bei der Lektüre Deines Dafür begegnen wir Franz dem Käfer und einem trinkfesten Hundefänger; im Verlauf des Gedichts verlagert sich sogar der Schauplatz nach Böhmen. Da reist dann deine Autorengesellschaft in die Klosterbibliothek von Tepl in der Nähe Marienbads, wo zu Zeiten des guten alten Sozialimus das Militär logierte, besser gesagt: ganz fürchterlich gehaust hat!          
Neben einigen eher feuilletonistischen Arbeiten, die sich mit Böhmen befassen, ist es in der Tat so, daß in diesem Gedicht die ersten literarischen Verarbeitungen jener Erfahrungen zu finden sind, die ich seit 1990 nicht zuletzt aufgrund meines neuen Wohnsitzes Waldmünchen gemacht habe. Ich lebe jetzt direkt an der Grenze, von meinem Arbeitszimmer aus sehe ich den Abhang des kleinen Böhmerwaldberges Cerchov. Als Mitglied und mittlerweile Vorsitzender der Regionalgruppe Ostbayern des VS-Schriftstellerverbandes konnte ich auch bald zusammen mit meinen Kollegen diese wundersame Grenzöffnung, die ja wie über Nacht kam, dazu nutzen, Kontakte zu knüpfen zu dem Zentrum westböhmischer Autoren in Pilsen, einer Regionaluntergliederung des Tschechischen Schriftstellerverbandes. Wir machen seitdem regelmäßig gemeinsame Veranstaltungen, das reicht von einer literarischen Zugfahrt Regensburg-Pilsen, wo wir in einem eigens dafür reservierten Speisewagen eine literarische Lesung gemacht haben, über Wochenend-Treffen auf Schloß Dobris und dann bei uns im Kloster Walderbach, bis hin zu einem gemeinsamen Buchprojekt. Unsere Anthologie "Zwischen Radbuza und Regen" ist ungefähr zeitgleich in einer deutschen Ausgabe hier in Ostbayern und in einer tschechischen in Prag erschienen. Das Buch umfaßt Beiträge literarischer, feuilletonistischer und kunstgeschichtlicher Art von zirka vierzig ostbayerischen und westböhmischen Autoren.          
Hatte das Weggehen aus München, das Leben an dieser jetzt ja glücklicherweise offenen Grenze für Dich schon irgendwie spürbare Folgen?          
Dieser Landstrich, in dem ich nun seit vier Jahren ständig lebe - ich kannte ihn allerdings auch schon lange vorher, noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs -, hieß ja bei manchen Leuten früher "Bayrisch Sibirien". Für einen Autor muß es nicht das schlechteste sein, in eine solche, allerdings freiwillige und jederzeit wieder abzubrechende Verbannung zu gehen; hier kann er wenigstens ungestört arbeiten. Durch die Grenzöffnung ist nun die Oberpfalz von ihrem "Bayrisch Sibirien"-Image befreit, ja, in Anlehnung an Ingeborg Bachmann kann man sagen: die Oberpfalz liegt wieder am Meer. Für mich hat sich das ganze Koordinatensystem verschoben: Ich bin jetzt in Prag mindestens genauso schnell wie in München. Krakau, diese wunderbare Stadt, in der ich vor kurzem war, ist für mich schneller zu erreichen als Paris. Ich habe nun Zutritt zu jenen Ländern, die ich bisher nur aus den Büchern von mir sehr geschätzter Autoren kannte: Joseph Roth, Kafka, Hasek, Hrabal ...          
Zum Schluß eine persönliche Frage: Wie kommt ein junger Autor heutzutage als hauptberuflicher Schriftsteller ökonomisch über die Runden, zumal wenn er geographisch an der Peripherie unseres Landes lebt und strukturell trotz einer bemerkenswerten Entwicklung der Karriere ebenfalls nicht gerade im Zentrum des Literaturbetriebes operiert?          
Manchmal wundere ich mich selbst, daß ich mich als freischaffender Autor mit Familie immer noch durchschlagen kann. Immerhin bin ich ja einer, der mittlerweile fernab der literarischen Metropolen lebt und der immer nur in Kleinverlagen bzw. Verlagen, wenn man so will, regionaler Bedeutung veröffentlicht hat - jedenfalls nicht im erlauchten Kreis der HanserPiperSuhrkampFischer-Gesellschaft. Es ist dies mit viel persönlichem Einsatz verbunden. So läuft zum Beispiel im Grunde der ganze Verkauf meiner Bücher zu 70 bis 80 Prozent über mich selbst. Ich muß viele Lesungen machen, mich um meine Leser beinahe persönlich kümmern, etwa sie über Neuerscheinungen informieren. Daß dies dennoch alles ausreicht, um sich sein hartes Brot als Freischaffender zu verdienen - wozu letztlich auch ein paar treue Menschen in Zeitungs- und Rundfunkredaktionen gehören -, zeigt allerdings auch, daß es möglich ist, neben dem in der FAZ-ZEIT-SZ-Arena betriebenen Literaturzirkus, der überhaupt nur von einem Bruchteil der gesamten Literaturszene Kenntnis nimmt, zu existieren. Man hat, ganz klar, nicht die breite überregionale Aufmerksamkeit, man kommt vor allem nicht an die die gutdotierten Fleischtöpfe der namhaften Stipendien und Preise heran, die sich die Großverlage und ihre Berater gegenseitig zuschieben, aber im Grunde, was zum Beispiel die Auflagen- und Verkaufszahlen betrifft, steht man nur wenig hintan.          

   
                               
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          WebGrafik: Ingrid Balk-Lintl