aus: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – KLG, 69. Nachlieferung, Oktober 2001; Verfasser des Artikels: Heinz Puknus  
  Bernhard Setzwein, geboren am 29. 4. 1960 in München, wuchs zunächst in Bad Dürkheim und Köln, dann wieder in München auf. Abitur 1979. Zivildienst in den Oberland-Werkstätten für geistig und körperlich Behinderte in Gaißach bei Bad Tölz.1981-1986 Studium der Germanistik und Volkskunde an der Universität München. Nach 1983 Mitinhaber und -geschäftsführer des Friedl-Brehm-Verlages, ab 1986 freier Schriftsteller. Lebt seit 1990 in Waldmünchen/Oberpfalz.
Preise: Stipendium "Münchener Literaturjahr" (1983); Würzburger Literaturpreis, 2. Preis (1986)
; Komödienwettbewerb des Regensburger Turmtheaters, 1. Preis (1993); Theaterstückewettbewerb des Telfser Volksschauspiels, 2. Preis (1997); Staatlicher Förderungspreis für junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Bayern (1998).

   
Die erste Buchveröffentlichung Bernhard Setzweins – "vareck", ein schmales Bändchen mit Gedichten, Prosa, Szenen – erschien 1978 beim Feldafinger Friedl-Brehm-Verlag, der sich pionierhaft um eine neue bayerische Literatur fern der herkömmlichen Folklore bemühte. Die noch vom Schüler verfaßten Texte handeln von Vereinsamung und Angst in einer fremden, kalten Welt – im Blick nicht nur auf das eigene Ich, sondern auch auf 'Randfiguren', Isolierte, Benachteiligte der Gesellschaft. Mit dem ambivalenten Verhältnis des Sohnes zum Vater ist ein Zentralthema der damals jungen Generation angesprochen.
In den zwei Jahre darauf publizierten "Haß- und Liebesgedichten" "Hobdz mi gern" wird das Bild eines Landes im 'Winter' erkennbar, im frostigen, auf Restauration gestimmten Klima der Bundesrepublik um 1980. Der "Haß" gilt jenen, die solchen Zustand durch ihre Indifferenz verschulden – "Liebe" eröffnet dagegen die Chance des menschlichen Einklangs, freilich im Wissen um den baldigen Verlust. Aus den Erfahrungen des Autors in einer Werkstätte für geistig und körperlich Behinderte ging der wohl eindrucksvollste Text des Bandes hervor: "Der Dorfdepp" setzt die verständnislos bis boshaft mißdeutende Außensicht der 'normalen' Betrachter hart kontrastierend gegen die stammelnde Selbstaussage des vermeintlich "Bleeden".
"vareck" und "Hobdz mi gern" sind durchweg in Mundart geschrieben: Auch Setzwein hatte Teil an der allgemeinen Renaissance der Dialektliteratur, die besonders in Bayern zur stürmischen 'Welle' wurde. Kaum zu bezweifeln ist das relative Recht des Mundartlichen gegenüber den Ausschließungstendenzen der Gralshüter der 'Hochsprache'. Setzwein wollte den neu erzielten Terraingewinn nicht missen. Andererseits hat er im Dialekt nie die einzig wahre oder auch nur 'ehrlichere' Artikulationsform sehen mögen. In der Distanz der Rückschau nach über einem Jahrzehnt (1992 im Gespräch mit Joachim Linke) erklärte er "Mundart und Schriftsprache" für seinen Teil als "gleichberechtigt" – er wolle von Fall zu Fall entscheiden, nicht prinzipiell. Tatsächlich hat Setzwein Mundartliches in unterschiedlichem Maße und auf durchaus differenzierende Weise eingesetzt und häufig genug auch nahezu völlig darauf verzichtet. Parallel zu den relativ 'reinen' Dialekttexten von "vareck" und "Hobdz mi gern" entstand, gleichfalls größtenteils schon in der Gymnasialzeit, die aufgelockert 'hochsprachliche' Erzählprosa "Brandwunden" (1981).
"Brandwunden" ist die Geschichte eines Schülerprotestes noch ganz im Geist der rebellischen sechziger und siebziger Jahre. Ein sensibler, vielfach gedrückter Außenseiter, "Frosch" genannt, wird vom Unverständnis der Schulautoritäten und seines tyrannischen Vaters erst zum Ausbruch – er flieht in einen verlassenen Bunker – und dann in den Tod getrieben. Sein 'Vergehen': Er hat, von einer Fernsehsendung über Vietnam erschüttert, das verstörende Bild eines von Napalm entzündeten, brennenden Menschen an die Wand der Schultoiletten gemalt. Statt sich unbequemen Fragen zu stellen, ahnden die Erwachsenen ungerührt den bloßen Verstoß gegen die 'Ordnung'. Auch die pubertäre Verzweiflungstat der Freunde, eine Brandstiftung, die verhindern soll, daß alles so weitergeht wie vor "Froschs" Tod, ändert nichts. Was da für die jungen Leute Ungeheuerliches geschah, wird im rückschauenden Quasi-Dialog zweier Freunde – offenbar Teilfigurationen des gespaltenen Autors – gegenwärtig, die entgegengesetzte Konsequenzen daraus ziehen: Der eine, schon immer Aktivere, will weiter 'handeln', er will sich auf dem Münchner Marienplatz selbst verbrennen, im Glauben an die aufrüttelnde Wirkung einer so unüberbietbaren 'Aktion' – der andere, sein Widerpart, Skeptiker geworden und schon resigniert, möchte ihn zurückhalten. Der Ausgang ihrer Auseinandersetzung bleibt offen.
Drei Jahre nach der eher knappen Erzählung erschien 1984 mit "Wurzelwerk" ein relativ breit angelegter Roman, die wohl stärkste literarische Leistung des jungen Setzwein. "Wurzelwerk" erzählt von zerstörter Heimat, vom Vertriebenwerden durch rücksichtslose Bebauung einer der letzten vorstädtischen 'Freiflächen' im Münchener Stadtteil Sendling. Die Sendlinger "Stemmerwiesn", jahrhundertelang im wesentlichen unverändert, verschwindet für immer und mit ihr der Lebensraum von Menschen, die so nur hier und im unmittelbaren Umkreis existieren können. Das "Wurzelwerk", das diese Leute mit ihrem Milieu verbindet, erscheint in vielfältigen Verästelungen, weit in zugleich individuelle wie kollektive Vergangenheit hinein – "Spurensicherung mit den Mitteln der Literatur" (Fitzgerald Kusz).
Setzwein bedient sich mit einigem Raffinement und spürbarer Lust wohlbekannter Mittel spielerisch distanzierender epischer Objektivation: Er selber ("B.S.") ist "Herausgeber" früherer Aufzeichnungen eines fiktiven Florian Hölzl, der 'eigentlich' anders heißt, aber anonym bleiben will. Der Sendlinger Hölzl, auf der "Stemmerwiesn" gezeugt und in nächster Nähe aufgewachsen, war schon vor Geburt ein Protestierer: Er wehrte sich dagegen, zur Welt – in diese Welt! – zu kommen, und suchte sich, da es einmal geschehen war, deren Zumutungen durch beharrliches Stummbleiben zu entziehen (hier zeigt sich der Autor vom 'bösen' Oskar der Grass'schen "Blechtrommel" beeindruckt). Er hat jedoch erkennen müssen, daß er sich auch nicht 'heraushalten' konnte: Was er erlebte, mitansah, sammelte, staute sich und bricht sich nun – statt im Reden – im Schreiben Bahn.
Der ihn zum Schreiben – und vorher erst zum Lesen – brachte, war Georg Radinger, genannt Girgl, der – eine symbolhaft archaische Gestalt – auf der "Stemmerwiesn" in einem halbverfallenen, überwachsenen Schuppen hauste und seit dem ersten Besuch der spielenden Kinder zu Florians väterlichem Freund und Lehrer wurde. Nun muß auch Girgls Hütte den schicken Neubauten weichen – noch vor ihrem Abriß ist ihr Bewohner jedoch verschwunden. Mit der jetzt auch laut vorgebrachten Klage über den Verlust seiner Leitfigur schließen die Aufzeichnungen, die Hölzl gerade noch im verlassenen Schuppen zu Ende führen kann.
Auf einer dritten Ebene sind zehn fragmentarische Sendlinger "Lebensläufe" aus einem handgeschriebenen Buch Radingers, das dieser zurückließ, eingeschoben. Die vom Girgl offenbar wörtlich übernommenen 'Original'formulierungen der Betreffenden führen in frühere, nicht nur persönlich bedeutsame Lebensverhältnisse zurück und liefern aufschlußreiche Einzelzüge zu einem allgemeinen "Sendling-Bild".
Das alles dient dem erklärten Ziel, "große Geschichte in kleinen Geschichten" (Setzwein) zu vergegenwärtigen, sie am scheinbar nur Lokalen, an der "Topographie" ablesbar zu machen. Um "große Geschichte" geht es, wie zuvor auch in "Brandwunden", vor allem bei der Bloßlegung der furchtbaren historischen Wahrheit über die legendäre "Mordweihnacht" von 1705, die man auf Denkmälern und Wandgemälden affirmativ zur "Bauernschlacht" verklärt hat. Und nun steht München-Sendling mit der "Stemmerwiesn" modellhaft für alle dem Untergang geweihten 'Rest-Welten', die ein kommerzialistischer Modernisierungswahn erstickt. Wohin der führen mag, nimmt das expressive Schluß-Bild vorweg, das die traumatisch erfahrene Zerstörung der "Stemmerwiesn" ins geradezu Apokalyptische steigert: Der Greifarm eines riesigen Baukrans kreist über ganz Sendling und senkt sich erbarmungslos nieder – ein "Sog" zieht sämtliche Bewohner, die Lebenden wie die Toten, in eine alles verschlingende Baugrube, in ein metaphysisches Loch hinab. Alle Proteste kommen gegen die entfesselte 'Dynamik' nicht an – gleich neben der Vernichtung werden ungerührt, besinnungslos "Bürgerfeste" gefeiert. Nur im Schreiben Girgls bzw. des Autors läßt sich noch etwas von dem "aufbewahren", was in Wirklichkeit verloren ist. Und sein Sendling übertrifft das zuletzt reale noch an "geschauter" innerer Realität – poetische Versinnlichung einer Idee von 'Heimat'. Setzweins 'Heimat'-Begriff ist freilich jenseits aller lokalpatriotischen und traditionalistischen Verengung zu sehen – er bezeichnet eher das, was sein könnte oder hätte sein können.
Seit "Wurzelwerk" hat der Autor, der dem Stadtteil der eigenen Herkunft nach verbunden ist – der Großvater betrieb eine Gastwirtschaft, der Vater wuchs hier auf –, sein Vorhaben eines "Universal-Sendlikons" vielfältig fortgeführt, durch einzelne Ergänzungstexte etwa – zur Familiengeschichte der Hölzls, auch zum Schicksal bestimmter Gebäude –, die alle in eine neue, umfassendere "Wurzelwerk"-Ausgabe eingehen sollen.
Zwei inzwischen erschienene Bücher – surreale literarische Phantasien – erschließen 'aus Anlaß' örtlicher Gegebenheiten eine Geistessphäre historischer Gleichzeitigkeit.
In "Hirnweltlers Rückkehr" (1987) treffen der Erzähler und der soeben als "Luftschiffer" eingefallene "Johann Paul Friedrich Richter" bei einem Sendling-Spaziergang den Puppenspieler-Grafen Pocci in der nach ihm benannten Straße, ferner Aristophanes, der gerade einen Erotik-Shop verläßt, sowie den allbekannten deutschen Klassiker und Geheimen Rat an 'seinem' Platz. Das Buch huldigt vor allem Jean Paul, dessen Einfluß in der barock-'verwilderten', enzyklopädischen Anlage und Erzählweise von "Wurzelwerk", mehr noch dieses Textes selbst, kaum zu übersehen ist. Parallel zum Spaziergang wird der denkwürdige Besuch des eben berühmt gewordenen "Hesperus"-Autors im Weimar des Jahres 1796 rekapituliert, das in seinem Ablauf nicht belegte Gespräch mit Goethe wird plausibel erdichtet. Sieger im rhetorischen Zweikampf ist der "Provinzler" Jean Paul. Den Wirklichkeiten des 20. Jahrhunderts scheinen dessen fiebrig-exzentrischen Visionen näher als der gelassene Ästhetizismus des Olympiers. Allein mit dem Erzähler, beäugt der "Hirnweltler" aus dem Kopf der Bavaria an der Theresienstraße noch das Getriebe der "Wiesnmaschin" - eine monströse Kolossalschau, wie von ihm selbst phantasiert.
Die (Bruch-)Landung seines Gegen-Goethe mit einem kuriosen, valentinesken "Fahrradflugapparat" hatte Setzwein schon in etlichen "Prolog"-Versen zum Jean-Paul-Buch lustvoll en detail geschildert, im Vorgriff auf ein weiteres "Sendlikon", das 1993 erschienen ist.
In der einstigen Wirtschaft des "Setzwein-Opas" "OberländerEckeDaiser" (so auch der Titel) finden sich außer dem "Hirnweltler" an die zwanzig teils wohlbekannte, teils vergessene tote Dichterinnen und Dichter, samt Verleger Brehm, ein. Brecht und Dante entsteigen dem Kanalschacht, Karl Valentin und Oskar Maria Graf lösen sich als Fresko von der Wand, Oskar Panizza läuft als streunender Straßenköter zu, Kafka zeigt sich ganz offensichtlich – zunächst – in Gestalt eines Käfers, und unter den wiederverkörperten Damen fällt vor allem die Gräfin Fanny Reventlow auf. Ergebnis des Treffens der verblichenen "Intelligenzler" in der Stadt, wo sie "doch keiner mehr versteht": neben dem Genuß lang entbehrter Gaumenfreuden die immer neu schmerzende Einsicht in die offenkundige Folgenlosigkeit alles künstlerischen Wirkens im Kontrast zum "ungestört weitertrampelnden" Leben einer ewig brutalen Realität.
Aber das bekümmernde Fazit wird just vermittelt in einem schlicht, doch nachdrücklich als "Gedicht" benannten versepischen Gebilde von bedeutendem literarischen Rang. Setzweins Sprache ist vital und artistisch, präzise und spielerisch. Die hermetisch verknappende, bewußt harte Fügung und eine reizvolle herbe, 'synkopische' Rhythmik verstärken den Eindruck zwingender gestalterischer Konzentration. Im Spannungsfeld zwischen Mundart und 'Hochsprache' bewegt sich der Autor, wie angestrebt, souverän und ungezwungen zwischen den Extremen: Seine Sprache erscheint ganz und gar 'bayrisch', auch wo er nicht im Dialekt formuliert – umgekehrt 'schwingt' alles Mundartliche in kunstsprachliche Rede, die eigenen Gesetzen folgt.
Die 1990 in der Dialekt-Reihe eines rheinischen Verlages publizierten Verstexte der Sammlung "Oidweiwasumma" sind dagegen schon im Untertitel eindeutig als "Gedichte in altbairischer Mundart" ausgewiesen. Der Band mit Fotos von Ursula Daschner versteht sich als, wenn auch kritisch eingeschränktes, Plädoyer des Münchners Setzwein für den bayerischen "Tellerrand", konkret: die Oberpfalz, in die er 1989 übersiedelte, gegen die Dominanz der Zentrale. Freilich handelt es sich nicht um eine falsche Idealisierung, um einen Rückzug in eine vermeintliche Idylle. Auch hier ist nichts mehr, wie es war: "Oidweiwasumma", Herbst, die Ahnung von Abschied und Ende liegt über dem Land.
Setzwein hält nichts von der Vorspiegelung eines fortdauernd heilen Weltzustandes. Er will die geistigen Widerstandskräfte beleben und wachhalten, wie sie, rebellisch und wohlverstanden 'konservativ' zugleich, besonders in der bayerischen Geschichte immer wieder anzutreffen seien. In "Käuze, Ketzer, Komödianten" (1990) porträtiert er in diesem Sinne querköpfige "Literaten in Bayern" von Jean Paul bis Carl Amery unter dem Motto: "Immer gegen die Machthaber!". Und die essayistische Flußmonographie "An den Ufern der Isar" (1993), in der 'im Vorbeiwandern' kulturelle und politische Vergangenheit in Einzelbildern lebendig wird, legt besonderen Wert und Nachdruck auch auf Ereignisse und Gestalten, die in geläufigen "Schönes-Bayern"-Bücher nicht vorkommen.
Bernhard Setzwein ist ein Autor, der selbstverständliche Liebe zum Land, dem er entstammt, mit kritischer Einsicht in dessen Gefährdungen, aber auch in die verdrängten positiven Möglichkeiten seiner Geschichte verbindet. Niemals spart er kurzerhand aus, was nicht zu den trauten Heimatgemälden paßt, die längst keinen Bezug zur Wirklichkeit mehr haben. So zeigt er – zusammen mit Karl Krieg – in einem Bildband "Hinterbayern" (1996, mit exzellent demonstrativen Fotos von Herbert Pöhnl), in welchem Ausmaß Zerstörung, Verödung und Nivellierung mittlerweile bis in die ehedem abgeschiedensten und daher lange noch verschonten Landschaften vorgedrungen sind.
Zudem öffnet er sich wie wenige den neueren Entwicklungen im ehemaligen Ostblock-Land Tschechien, in ihren positiven wie negativen Aspekten. Setzwein sieht die Lage seines Wohnsitzes unmittelbar an der deutsch-böhmischen Grenze als fast symbolische Chance für auch persönlich intensivierte Beziehungen zum Nachbarn, literarisch, kulturell wie allgemein geistig. Sein Beitrag in der Anthologie "Zwischen Radbuza und Regen", aus den ersten Jahren nach dem Ende des 'Eiser- nen Vorhangs', zeugt davon – wie später auch sein Sammelband "Ein Fahneneid aufs Niemands- land" (2001) mit dem programmatischen Untertitel "Literatur über Grenzen", der Porträts bayerisch- österreischischer Autoren und Autorinnen mit solchen tschechischer Gegenwartsschriftsteller und Berichten über Begegnungen zusammenfügt.
Nach wie vor freilich spielt Deutschlands Stadt-Faszinosum Nr. 1 für den gebürtigen Münchner thematisch, stofflich und als ständiger Anlaß zur 'haßliebenden' Auseinandersetzung eine Hauptrolle – so schon bei der Mitherausgabe eines "Reise-Lesebuchs" "München" (1999), in dem sich, wie Kritiker rühmend zu Recht hervorhoben, "die ganze Bandbreite dessen" findet, "was die Stadt ausmacht".
Der eigene Text, den Setzwein hier beisteuerte, erwies sich als Vorgriff – wie auch "Watten Wagner Wichs", ein Stück, das beim Telfser Theatertreffen 1998 den zweiten Preis erhielt: Nach "Wurzelwerk" und den sonstigen Arbeiten zum "Universal-Sendlikon" hatte es Setzwein wieder über die lokale Stadtteil-Thematik hinausgedrängt, so beispielhafte Bedeutung diese auch haben mochte. Das ganze München sollte es nun sein, und mehr noch: das München der Zeitgeschichte bis zurück zum Ersten Weltkrieg. Offenbar hatte sich auch das Bedürfnis verstärkt, erzählerisch weiter Raum zu gewinnen, die Bindung an reale Stofflichkeit zu lockern. So wählte Setzwein dann mit "Das Buch der sieben Gerechten" (1999) ein Roman-Sujet, das bestens geeignet schien, ein freieres Phantasie-Spiel in Gang zu setzen, ohne daß die historische Tatsachenwelt sich verflüchtigte.
Lange schon ist eine neue "Heimsuchung" auch in Mitteleuropa fällig, um die Stimmung für eine reuige Umkehr zum Glauben zu bereiten. So tagt den die "Jahweische Kongregation" um den Allerhöchsten diesmal in Prag und beschließt, just an der "perfekten Freizeit-City" München ein grimmiges Exempel zu statuieren. Bevorzugt wird ein Terroranschlag, etwa der damals gerade als 'Schurken' aktuellen Serben. Aber der alte Herr, entscheidungsschwach und wankelmütig, will in einer milden Anwandlung das Strafgericht fürs Erste aussetzen und die Bayernmetropole sogar überhaupt verschonen, sollte sich im 'Zielgebiet' früher oder heute die Existenz von mindestens sieben "Gerechten" nachweisen lassen. Mit entsprechenden Ermittlungen wird Fulizer (= Luzifer), "Koordinator sämtlicher Jahweischen Dienste" und die rechte Hand des Alten, beauftragt.
An Ort und Stelle gerät Fulizer sogleich an Kreutner, einen fragwürdigen, doch einfallsreichen Nachwuchsautor und Hobbyhistoriker, Verfasser eines unveröffentlichten voluminösen München-Romans. Nach anfänglichem Zögern liefert Kreutner bei weiteren Treffen die Geschichten von Leuten, die im Sinne der göttlichen Forderung als "Gerechte" gelten könnten: Unangepaßte, gegen den Strom Schwimmende, in Einzelfällen korrigierend, rettend Eingreifende, aber auch schlichtweg Opfer. Vom roten Urahn ist da die Rede, der die Ausrufung des 'Freistaats Bayern' noch erlebt hat; von Kurt Eisner und der Räterepublik; vom jüdischen Kommerzienrat Lehmann, der 1933, schon verhaftet, doch wieder freikommt; von Johannes Freumbichler, Thomas Bernhards mißachtetem Großvater; und – besonderes erzählerisches Kabinettstück – von einer fiktiven Begegnung Franz Kafkas und Adolf Hitlers 1916 im Hofgarten-Café Heck – eine Begegnung, die den künftigen Führer Großdeutschlands vielleicht vor seinen verhängnisvollen Irrwegen bewahrt hätte.
Das Binnengeschehen des Romans ergibt sich derart aus dem Nach- und Ineinander meist in Rückblende ausfabulierter Einzelszenen, oft auch nur -episoden, deren erzählerische Bereitstellung durch Kreutner den Hauptinhalt der Rahmenhandlung ausmacht. Es entsteht der Eindruck eines kunstvollen Wechselspiels, eines geradezu 'polyphonen' Gewebes von imponierender Virtuosität. So beeindruckend die aufgewendeten Kompositionskünste auch sind, so sehr ist freilich auch nach dem substantiellen Sinn dieses Aufwandes zu fragen: Verselbständigt sich nicht in mitunter drastischer Weise, was böswillig 'artistisches Beiwerk' genannt werden könnte?
Hinzu kommt die augenscheinliche Dominanz des Fiktiven, ja Phantastischen, wo es doch entscheidend um das Faktische der Realhistorie einer realen Stadt geht: Fiktion, gewiß, kann und soll Wirklichkeit in 'sachlichem Phantasieren' überhaupt erst en détail 'hervorrufen' oder auch in recht verstandener Übertreibung erkennbar machen. Hier aber bewegt sich das Erzählen – Kreutners, damit auch Setzweins – nicht selten zu sehr in der abgehobenen Sphäre spielerisch ihre Möglichkeiten genießender Fabulierkunst. Mutet es schon einigermaßen befremdend an, daß Fulizer und sein Chef überhaupt einen irdischen Gewährsmann brauchen (doch die Zeiten der Allwissenheit sind wohl lange vorbei), so verwundert noch mehr, daß sie ihn just in Kreutner gefunden zu haben meinen, der die 'runde Geschichte' anscheinend über alles stellt, notfalls auch über die – ohnedies immer nur mühsam zu erkundende – geschichtliche Wahrheit.
In der Tat wirkt fragmentarisch und zufällig, was bei Kreutner als Bild von München und seiner jüngeren Vergangenheit entsteht. Und auch seine Vorschlagsliste der "Gerechten" mutet beliebig an. (Warum sind, wenn schon Eisner, nicht auch Landauer und Toller dabei? Warum fehlen – um nur im Bereich des Politischen zu bleiben – Fritz Gerlich, Professor Huber und die Geschwister Scholl, warum fehlt Johann Georg Eisler, der immerhin in München sein Attentat auf Hitler versuchte?) Unklar erscheint ferner vor allem, was denn die "Gerechten" zu "Gerechten" mache. Das Wenige, das darüber, von Kreutner, gesagt wird, ist äußerst vage ("Helden des Alltags" seien es, die versucht hätten, verändernd einzugreifen, "das Ruder herumzureißen") und wird auch keineswegs vom Handeln aller Beispielfiguren gedeckt. Kaum verwunderlich bei solchen 'Kriterien', daß am Ende offen bleibt, ob man die Sieben nun zusammenbekommt – der endgültige göttliche Urteilsspruch steht weiterhin aus, die Liquidation der Stadt scheint freilich abgewendet.
Setzweins erkennbare Absicht, einen Münchner Zeit- und Epochenroman zu schreiben, der verläßlichen Faktenbezug mit losgelöster Fabulierfreude verbände: Geschichte also virtuos-unterhaltsam in lauter 'Geschichten' auflöste – diese Absicht konnte kaum zum Ziel führen. Zu weit gespannt – über ein Jahrhundert – ist hier der historische Rahmen, der mit authentischen Realien zu füllen gewesen wäre, und als zu leichtgewichtig-verspielt erweist sich demgegenüber der doch recht verbraucht wirkende Trivial-Plot vom zürnenden Himmelsvater und seiner Besänftigung durch ein paar irdische Musterschüler. Deutlich genug aber bewähren sich dennoch bei dieser allzu 'universellen' Unternehmung die wohlvertrauten Setzweinschen Erzählqualitäten: phantasievolle Realistik, realistisches Phantasieren in konkret und genau begrenzten Abschnitten.
Sehr viel überzeugender geriet Setzwein dann seine ironische Hommage auf Friedrich Nietzsche. "Nicht kalt genug", ein knapper Roman, der im Gedenkjahr 2000 erschien.
In sieben Quasi-Kapiteln ziehen die sieben Sommer vorüber, die der Dichter-Philosoph zwischen 1881 und 1888 im legendären Sils-Maria, Oberengadin, verbrachte. Nietzsche suchte hier im Hochgebirge, was er meistens, nicht immer, auch fand: die Klarheit und Kälte, die letzte Einsamkeit weit "über allen menschlichen Dingen" – notwendige Bedingung für die extreme Konzentration, deren sein kompromißlos-kühnes Denken bedurfte. Aber der Mann, der da spartanisch in einem verschatteten Hinterzimmer beim Kolonialwarenhändler des Ortes Quartier nimmt, ist eine eher skurrile Erscheinung, mit seinem verschlissenen Plaid und Schlapphut, seinem roten Sonnenschirm, den er bei sich führt, der empfindlichen, kurzsichtigen Augen wegen – nicht eben kräftig gebaut, doch zu stundenlangen Fußmärschen befähigt. Gian, der Wirt, ahnt das Besondere um diesen Herrn Professor, ohne indes zu verstehen – zur kränkelnden Tochter Adrienne, einem Kind, entwickelt sich ein sonderbares Verhältnis fürsorglicher Empathie. Ansonsten lebt der ohnehin Isolierte in gewollter wachsender Distanz zu den Leuten, mit denen er es notgedrungen zu tun hat – alleinige Ausnahme: die emanzipationsfreudigen jungen Damen meist adeliger Abkunft, die mit ihren Müttern oder auch schon allein sich zu dem von aufregenden Gerüchten Umwitterten "hinaufwagen", ohne ihm, wie er erkennen muß, "gewachsen" zu sein. Am 'kräftigsten' scheint Meta von Salis, Verfasserin von Versen und einer Dissertation (weil doch endlich einmal eine Frau den Doktor der Philosophie machen müsse).
Von Sommer zu Sommer, von Szene zu Szene wird der Fortgang des schicksalhaften Steigerungs- und zugleich Zerstörungsprozesses erkennbar, der sich in diesen Jahren an Nietzsche vollzieht – zuletzt in immer wachsender Beschleunigung, die unaufhaltsam auf die Katastrophe hindrängt. Nach dem siebenten Sommer kommt der Professor nicht mehr – wohl aber, nach langem Schweigen, seine Schwester, die allerlei Habseligkeiten ihren Bruders, besonders seine Notizzettel, einfordert.
Mit hoher Könnerschaft läßt Setzwein die jeweiligen Zuständlichkeiten bildhaft werden, macht die Hintergründe in Rückblenden und Anspielungen deutlich. Der lapidar-intensive Erzählstil vermittelt in unüberbietbarer Prägnanz ein Maximum des Substantiellen. Wichtigster Vorzug dieser Annäherung an die so komplexe Figur ist aber wohl das äußerst subtile Verständnis Setzweins für die Widersprüchlichkeiten und noch die scheinbaren Absurditäten dieses Ingeniums. Daß just der Verkünder des 'Übermenschen' und Lobredner vitaler Stärke ein hypersensibler, neurasthenischer Kranker war, ist ihm kein Anlaß zu billigem Spott. Konstant widersteht er der Versuchung zur karikierenden Denunziation. Wohl aber zeigt er, schmerzlich lächelnd, einen 'real existierenden' Nietzsche: in seiner kuriosen, rührenden Menschlichkeit, seiner Scheu und Dezenz, seinem rücksichtsvollen Feinsinn, den Resten eines warmherzigen Fühlens, das er in rigoroser Unterdrückungsarbeit zu ersticken trachtet – denn, beschämt, scheint er sich immer noch "nicht kalt genug" für die eigene eisig-mitleidlose Philosophie. Die Folgen dieser Philosophie, zunächst für ihn selbst, will freilich auch Setzwein nicht verkennen, aber er hält sich von ausdrücklichen Bewertungen fern
Der Autor nimmt daher, wie Alexander Altmann vermerkte, die "einzig legitime Haltung" ein, die heute Nietzsche gegenüber möglich sei, die "der ironischen Bewunderung". Der Bewunderte hat selbst einmal zu solcher Haltung ermuntert, und Setzwein stellte seine Worte als Motto an den Anfang seinen kleinen Meisterwerkes: "Es ist durchaus nicht nötig, nicht einmal erwünscht, Partei [...] für mich zu nehmen: im Gegenteil, eine Dosis Neugierde, wie von einem fremden Gewächs, mit einem ironischen Widerstande, schiene mir eine unvergleichlich intelligentere Stellung zu mir."
Sein schönes Nietzsche-Buch ist nicht das erste und einzige Zeugnis von Setzweins besonderer Fähigkeit zur Einfühlung in die Lebens- und Schaffenswelten zumeist als verwandt, vielfach aber auch reizvoll andersartig empfundener Geister. Häufig rückt er ins Zentrum der Aufmerksamkeit, was zu Unrecht an den Rand geriet oder gedrängt wurde. Die 1990 erschienene Porträtsammlung mit dem kennzeichnenden Titel "Käuze, Ketzer, Komödianten" ist bereits genannt worden. Hier wie in zahlreichen Zeitschriften- und Hörfunkbeiträgen erwies Setzwein sich daneben als überaus kundiger und genau recherchierender Vermittler von verständnisvoller Offenheit dem jeweils Eigentümlichen fremder Produktionen gegenüber. In einem "Literarischen Reiseführer" "München" (2001) führt er die Linie seiner Porträtierungen weiter fort, über Gerhard Polt und Rosendorfer bis zur unmittelbaren Gegenwart mit Helmut Krausser und Andreas Neumeister –, sucht jedoch in diesen "Spaziergängen durch die Geschichte der Stadt" die knapp skizzierte schriftstellerische Einzelpersönlichkeit mit dem historischen Allgemeinschicksal zusammenzusehen.
So sehr hier wieder in Pro und Contra die starke Bindung ans Wohlvertraute, Geläufige der spezifisch bayerischen wie münchnerischen Verhältnisse deutlich wird –, so unbestreitbar ist andererseits immer Setzweins weiterreichendes Interesse, die Tendenz zur Transformation des Regionalen ins Überregionale. Sein in der Zeitschrift "Passauer Pegasus" (1999/2000) abgedruckter, ursprünglich für eine Aufführung im Münchner "Marstall" geschriebener Text "Die Mauer klirrt, die Fahnen stehn" wendet sich gar dem nun wahrlich überregionalen – wiewohl von der Mehrzahl west-deutscher Autoren umgangenen – Thema der bis dato mißlungenen 'Wiedervereinigung' zu.
In einer "spekulativen" satirischen Groteske läßt Setzwein eines nicht allzu fernen Tages eine neue – vielleicht stärker bayerisch dominierte? – Regierung handstreichartig die Berliner Mauer wiedererrichten. Dies einmal, um aller bedenklichen Destabilisierung des Ganzen durch Wiederausgrenzung des unruhigen Ost-Teils zuvorzukommen, zum andern aber auch, um strafend, 'erzieherisch' auf die undankbaren, sich weigernden 'Ossis' einzuwirken, die offenbar nicht zu würdigen wußten, was ihnen westlicherseits 'geschenkt' wurde. (Erwünschter Nebeneffekt: Berlin, diese "verrohte, vordersibirische Bronx", ist als Hauptstadt nicht länger zu halten, München kann es nun endlich werden.) Freilich, die neue Mauer bekommt im Unterschied zur alten "Bullaugen", "Durchblicke" für die Ausgesperrten auf die einstweilen wieder verspielte West-Freiheit. Wohltätige Folge für die Alt-Bundesbürger: Die wieder sichtbare Mauer macht die innere Auseinandersetzung mit einer geistigen 'Mauer in den Köpfen' überflüßig. Dabei: "[...] solange sie in den Köpfen war / war sie doch gut aufgehoben / die Mauer [...] / Ein geteilter Kopf / ist bestimmt kein schlechter Kopf / Man hat zwar permanent Kopfzerbrechen / aber das schadet doch nicht [...]". So jedenfalls bei Setzwein die Meinung des "Europäers", der höhnisch-resigniert schließt: "Die Mauer klirrt / die Fahnen stehn / Ich gratuliere allen Deutschen / im Namen Hölderlins / der bekanntlich verrückt geworden ist / an diesem Land".

(Stand: 1. 8. 2001)

[Im Original folgt noch eine ausführliche Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur, die in der 69. Nachlieferung der Loseblattsammlung nachzulesen ist oder auch auf der neuerdings erschienenen CD-ROM-Ausgabe des KLG. Das KLG ist in allen größeren öffentlichen Bibliotheken zu finden, so etwa auch in der Münchner Stadtbücherei am Gasteig.]

     

   
                   
        zurück          
        WebGrafik: Ingrid Balk-Lintl